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03. Oktober 2015

Die Meistersinger von Nürnberg

Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Text von Richard Wagner

Am 3. Oktober (1. Akt, 20:30 Uhr | 2. Akt, 22:40 Uhr) und 4. Oktober (3. Akt, 12 Uhr) eröffnet die Staatsoper Berlin die Spielzeit 2015/2016 mit Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg«. Inszeniert wird Wagners Oper über Bürger, Kunst und Nation ...

Am 3. Oktober (1. Akt, 20:30 Uhr | 2. Akt, 22:40 Uhr) und 4. Oktober (3. Akt, 12 Uhr) eröffnet die Staatsoper Berlin die Spielzeit 2015/2016 mit Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg«. Inszeniert wird Wagners Oper über Bürger, Kunst und Nation vor dem Hintergrund der Deutschen Wiedervereinigung, die sich am 3. Oktober 2015 zum 25. Mal jährt, von Andrea Moses. Nachdem sie von 2011 bis 2014 Leitende Regisseurin im Team von Jossi Wieler an der Oper Stuttgart war, gibt Moses mit dieser Neuproduktion ihr Debüt an der Berliner Staatsoper. Für Daniel Barenboim ist die Premiere ein Jubiläum: Es wird die 20. Wagner-Produktion sein, die er an der Staatsoper mit der Staatskapelle Berlin dirigiert.



    In deutscher Sprache
    mit deutschen Übertiteln
    ca. 3:30 h | inklusive 1 Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    * Die Premiere (03. + 04. Okt 2015) ist nur komplett buchbar. Es wird einmalig der F-Preis berechnet.
    • Handlung

      1. AKT
      Die würdigen Bürger der Stadt rüsten sich in der Kirche für das morgige Johannisfest und zugleich fiebert die städtische Jugend der Johannisnacht entgegen, der heidnischen Nacht der Liebespaare, der großen Wünsche und Wunder und der himmlischen Räusche.
      Der frisch in die Stadt gezogene Landadlige Walther von Stolzing stellt selbst in der Kirche der Tochter seines Geschäftspartners, des Goldschmiedemeisters Pogner, nach. Am Vorabend sahen die beiden einander erstmals und auf diesen ersten Blick scheinen sie sich ihrer Liebe sicher zu sein. Aber Stolzing wird von der mütterlichen Begleiterin Evas, von Magdalene, aufgeklärt, dass Eva einzig und allein einen Meistersinger heiraten dürfe, und am besten den, der das Wettsingen der Meistersinger am nächsten Tag zu Ehren des Johannisfestes gewinnt.
      Stolzing bleibt nichts anderes übrig, als an diesem einem Tag die Meistersingerwürde zu gewinnen, kann er doch sonst am nächsten Tag nicht um Eva werben.
      Der von Magdalene favorisierte Lehrbube des bekannten Meistersingers Hans Sachs, David, soll helfen. David belehrt den Ritter ausführlich über die Unzahl der notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten im Singen und Reimen des Meistergesangs, um alle Prüfungen bis zum Meister bestehen zu können. Das alles ist für Stolzing in der Kürze der Zeit völlig unmöglich, doch eine Chance eröffnet sich ihm, denn Meister kann werden »der zu Wort und Reimen, die er erfand, aus Tönen auch fügte eine neue Weise, der wird als Meistersinger erkannt«. Eigene Worte und eigene Melodie sind dem Sänger zugestanden, aber die Form des Meistergesangs muss dennoch genau eingehalten werden. Das ist die Bedingung, um in einem Sprung die Meisterwürde zu erlangen und in die Zunft aufgenommen zu werden.
      Inzwischen sind die Vorbereitungen für eine Versammlung der Meistersinger in vollem Gange. Dabei wird Pogner vom Stadtschreiber Beckmesser bedrängt, dass er auf den Wettgesang um seine Tochter verzichten und ihn stattdessen bei seiner Werbung um Eva unterstützen soll. Stolzing unterbricht die beiden Meistersinger und zum sichtlichen Wohlgefallen Pogners und unverhohlenen Ärger Beckmessers erklärt er seinen dringlichen Wunsch, heute noch in die Zunft der Meistersinger aufgenommen zu werden. Als die zwölf Meistersinger versammelt sind, verkündet Pogner feierlich, seine Tochter und sein Geschäft zum Siegespreis des Wettsingens zu bestimmen. Die Meistersinger werden den Sieger küren, das letzte Wort soll zwar seine Tochter haben dürfen, aber einen anderen Mann als einen zünftigen Meistersinger soll sie niemals ehelichen. Hans Sachs, der erfolgreichste und wirkmächtigste Meistersinger, traut dem Kreis der Meister kein Urteil zu, dem auch Eva zustimmen wird, geht es doch um Kunst und Liebe. Deshalb schlägt er vor, in diesem Falle erstmalig das zuhörende Volk zum Preisrichter zu berufen, da Volk wie Eva gleich unbeeindruckt von des Meistergesangs Regeln ihrem Herzen folgen und so eine rechte Wahl treffen würden.
      Das ist den Meistersingern zu kühn und ungewöhnlich, wider alle Tradition. Sie verwerfen den Vorschlag von Hans Sachs. Besonders vehement weist Beckmesser das Ansinnen zurück. Er wittert in Sachs den Konkurrenten und fürchtet dessen Beliebtheit als Dichter von volkstümlichen Liedern.
      Die Meister kehren zur Tageordnung zurück und das ist der Moment für Stolzing, sich unterstützt von Pogner und Sachs, vorzustellen und um die Aufnahme in die Zunft zu bitten. Er darf sein Lied vortragen. Stolzing setzt alles auf seine sängerische und dichterische Improvisationsgabe und er vertraut dem mitreißenden Schwung seiner Gefühle, aber das strenge Regelwerk des Meistergesangs wird ihm zur Falle, in der er sich rettungslos verfängt. Akribisch notiert der argwöhnische Beckmesser die Unzahl der Regelverstöße und unterbricht dann sogar den Gesang. Hans Sachs indes ist berührt und aufgestört von diesem neuartigen Gesang und erzwingt zumindest, dass Stolzing sein Lied gegen den Protest der anderen Meister beenden darf. Doch unter dem Spott der Lehrbuben wird das vernichtende Urteil über Stolzings Gesang gesprochen: „Versungen!“. Um Stolzings Glück und Evas Zukunft sieht es düster aus.


      2. AKT
      Die Lehrbuben ziehen schon durch die Straßen der abendlichen Stadt, die Wundernacht herbei wünschend, Abenteuer suchend. Da kommt ihnen das heimliche Pärchen David und Magdalene gerade recht. Voller Spottlust und Neid machen sie sich über die Beiden lustig und beginnen mit dem wütenden David Streit. Sachs jagt sie allesamt auseinander und befiehlt seinen Lehrbuben ins Haus.
      Auch Pogner ist mit Eva vors Haus getreten. Pogner grübelt, ob sein Plan bedacht und gut war und möchte sich mit Sachs beraten. Eva will vom Vater nur wissen, was mit Stolzing geschah. Pogner schweigt sich aus und lässt Eva im Ungewissen allein. Magdalene berichtet ihr, dass Stolzing gescheitert sei. In ihrer Not hofft sie Rat bei Sachs zu finden.
      Sachs verlangt von David die Schusterbank. Eigenhändig will er den Schuh für Beckmesser richten, doch der Auftritt Stolzings lässt ihm keine Ruhe, denn dessen Gesang war unvergleichlich seinem eigenem Meistergesang und berührte ihn doch tief. Sachs freut sich am Fremden und findet darin, in der Anerkennung des anderen, seine eigene Ruhe wieder. Jetzt kann er sich getrost den Schuhen Beckmessers widmen.
      Eva sucht seinen Rat, ohne ihre Gefühle preiszugeben. So gerät das Gespräch zu einem gegenseitigen Aushorchen. Sachs will wissen, ob sich Eva mit Beckmesser, dem einzig ledigen Meistersinger, als Ehemann einverstanden zeigen würde, Eva hingegen, ob nicht der verwitwete Sachs selbst als Bewerber und Freier auf den Plan treten könnte. Sachs verzichtet auf Eva und Eva lehnt Beckmesser ab. Beiden wird klar, dass Eva allein mit Stolzing glücklich werden will. Eva verlässt Sachs unberaten, doch Sachs ist entschlossen ihr und Stolzing zu helfen.
      Stolzing hilft sich selbst und macht sich auf, Eva zu entführen und Eva wirft sich ihm beglückt in die Arme. Aber auch Beckmesser will die Nacht für sich nutzen und mit einem Ständchen Eva für sich gewinnen. All das beobachtet Hans Sachs aus dem Schutze seines Hauses heraus und greift kräftig und lustvoll in das nächtliche Geschehen ein. Erst hindert er geschickt Stolzing und Eva daran, ungesehen der Stadt zu entfliehen. Als nächstes knöpft er sich Beckmesser vor, der mit seinem Gesang anheben will, daran aber von dem mächtig lossingenden Sachs übertönt wird. Dem Schusterlied von Sachs ist Beckmesser nicht gewachsen. Er ist um sein heimliches Ständchen gebracht. Wütend lässt er seinem Hass auf Sachs freien Lauf. Abrupt endet Sachs sein Lied. Sachs schlägt Beckmesser vor, er solle sein Ständchen für Eva ruhig singen, aber er würde jeden Regelfehler von ihm mit einem Schlag auf den Schuhleisten ahnden. Beckmesser muss dem Vorschlag zustimmen, wobei er aber übersieht, dass die sich in Pogners Haus am Fenster zeigende Frau nicht Eva, sondern die verkleidete Magdalene ist. Beckmesser singt und unnachgiebig merkt Sachs mit kräftigen Schlägen auf den Schuhleisten jeden der vielen Fehler an. Gebannt verfolgt in ihrem notdürftigen Versteck das Liebespaar das immer hitziger und lauter werdende Duell. Beckmesser schnappt fast über und genau in diesem Moment erblickt David aus seinem Zimmer den vor seiner Magdalene lautenschlagenden Beckmesser. David stürzt sich auf Beckmesser, Magdalene schreit um Hilfe, alle Welt wacht auf, dringt zu Pogners Haus vor; jeder bezichtigt jeden des Lärms – Zeit alte Rechnungen zu begleichen, uralte Fehden brechen auf, Bürger schlägt auf Bürger ein, das Chaos siedet. Stolzing und Eva laufen Gefahr in diesem Strudel mitgerissen und erkannt zu werden. Das begreift auch Sachs und so wirft er sich ins Getümmel, trennt das Paar und zieht Stolzing gewaltsam in sein Haus. Gleichzeitig sorgen besonnenere Bürger mit kräftigen Wassergüssen aus den umliegenden Häusern für die dringende Abkühlung. Ernüchtert trollen sich alle von der Walstatt. Die städtische Obrigkeit trifft in Person des Nachtwächters verspätet auf dem Schlachtfeld ein und reibt sich angesichts der Verwüstungen verwundert die Augen.


      3. AKT
      Sachs hat die Nacht durchwacht. Aus seiner tiefsitzenden Nachdenklichkeit kann ihn auch der reumütige David nicht reißen. Erst langsam formen und fügen sich die Gedanken des Meistersingers zu einer Analyse der nächtlichen Ungeheuerlichkeiten und seiner Mitschuld. Er war es, der „an des Wahnes Faden zog“, der dann zu rasen begann in der Johannisnacht, die Menschen um ihn herum verführte, sie beutelte und sie zueinander und gegeneinander in der Nacht der Schrecken und Zaubermächte trieb. Nun gilt es für Sachs am Johannistag, seinen Wahn wie den der anderen so zu bändigen, dass ein vernünftiges Zusammenleben möglich und das Wilde und Zerstörerische gebannt wird.
      Mit Stolzing, seinem nächtlichen Gast, dem ein wunderschöner Traum neue Zuversicht eingeflößt hat, erwägt er dessen Möglichkeiten trotz aller Widerstände am Wettsingen teilzunehmen. Der Traum Stolzings scheint Sachs der geeignete Gegenstand für ein Meisterlied. Stolzing erzählt den Traum und Sachs formt ihn den Meisterliederregeln gemäß. Stolzing folgt den Regeln und sie gehen ihm leicht von der Hand. Der Traum wird zur Poesie umgeschmolzen. Sie beschließen mit diesem Lied das Wettsingen zu wagen.
      Beckmesser sucht Sachs auf und will ihn zur Rede stellen. Doch statt Sachs findet er das Manuskript des Werbeliedes von Stolzing in der Handschrift von Sachs. Beckmesser glaubt nun, dass Sachs doch um Eva freien wird. Die momentane Abwesenheit von Sachs nutzend, stiehlt er schnell entschlossen die Handschrift, um dann den hinzukommenden Sachs sein nächtliches Handeln vorzuwerfen. Sachs hört es sich an, entdeckt dabei den Diebstahl, den Beckmesser nicht leugnet, wähnt er sich dazu berechtigt, da ja Sachs erklärt habe, nicht um Eva zu freien.
      Sachs schenkt ihm das Lied und versichert, weder am Wettsingen teilzunehmen noch jemals zu behaupten, das Lied sei von ihm. Beschwingt und siegessicher tanzt Beckmesser davon.
      Bedrückt und ratlos dagegen erscheint Eva unter einem Vorwand bei Sachs. Will sie ihn doch noch einmal überzeugen um sie zu werben, oder sucht sie Stolzing? Stolzing löst alle Ungewissheit. Mit der dritten Strophe seines Preisliedes verzaubert er Eva. Sachs bestätigt ihm einen wahren Meistergesang geschaffen zu haben, dessen Melodie er nach altem Meistersingerbrauch in Anwesenheit der Zeugen, des schnell zum Gesellen beförderten David und seiner Magdalene, auf den Namen »Die selige Morgentraumdeut-Weise« tauft. Der Johannistag hat begonnen und das große Fest kann kommen.
      Die städtischen Zünfte ziehen auf dem Festplatz ein. Mit dem Eintritt der Meistersinger beginnt das Fest, eröffnet von Hans Sachs, dem die Festgemeinde mit dem Gesang seines Liedes »Wach auf« huldigt, bevor er das ersehnte Preissingen würdigt und freigibt.
      Beckmesser eröffnet das Singen und versagt kläglich, ist er doch dem fremden Text gedanklich nicht gewachsen und will sich die von ihm gewählte Melodie nicht mit dem Text zum Werk vereinen. Er wird schmählich ausgelacht und verhöhnt. In seiner Ohnmacht verunglimpft er Sachs, dieser habe ihm das schändliche Lied aufgezwungen und überhaupt sei es von diesem. Auf diesen Moment hat Sachs gewartet, jetzt kann er erklären, wer der Schöpfer des Liedes ist, und welch hohe Qualität es besitzt, wird es nur vom rechten Sänger gesungen. Der feingesponnenen Argumentation kann sich die Meistersingerzunft nicht entziehen. Stolzing darf vortreten und triumphiert mit seinem Lied. Eva ist gewonnen. Die ehrenvolle Aufnahme in die Meistersingerzunft jedoch verweigert der Adlige Walther von Stolzing.
      Sachs sieht seine Sendung gefährdet, in den Meistersingern eine vorbildliche Gemeinschaft zu behaupten, eine Gemeinschaft der berufenen deutschen Künstler, die Stolz und Hort des deutschen Volkes sein sollen. Er besteht darauf, dass Stolzing diesen Auftrag annimmt. Stolzing fügt sich wortlos

    • Aus dem Programmbuch

    • Pressestimmen

      »Für Daniel Barenboim ist es die 20. Wagner-Neuinszenierung, die er an seiner Staatsoper leitet. Mit einer Souveränität, die sich längst Lässigkeit erlauben kann, führt er durch die Partitur, hält die kunstvolle, so genialisch Spieloperngestus mit barocker Rhetorik verbindende Musik stetig im Fluss, auf die selbstverständlichste, absolut natürlich wirkende Weise. Prachtvoll leuchten die Klangfarben der Staatskapelle.« (Der Tagesspiegel)

      »Endlich funktionieren die 'Meistersinger' der Gegenwart« (rbb Kulturradio)

      »Andrea Moses ist eine Meisterin ihres Handwerks, sie setzt auf eine profunde Personenregie. Jeder der Meister, allesamt Sängerstars der älteren Garde wie Siegfried Jerusalem, hat ein herrlich knorriges, genaues Profil. Hans Sachs, der Tradition und Moderne verbindet, wirkt als Schuster in der Werkstatt ebenso glaubwürdig wie als Poet vor der Bücherwand. Beckmesser ist ein böses Kerlchen, weil schwach und unsicher. Blendend schön und groß und kraftvoll tritt Stolzing, der Ritter, auf. Er ist überhaupt ein Kerl zum Niederknien. Klaus Florian Vogt treibt dem Publikum Tränen in die Augen.« (rbb Kulturradio)

      »Andrea Moses betont, wenn es sich anbietet, das Komödiantische, die Leichtigkeit, und sie ist eine Meisterin der Personenregie. [...] Das Publikum jubelt.« (Berliner Morgenpost)

      »Jubelstürme für alle Beteiligten, allen voran Wolfgang Koch.« (Bayerischer Rundfunk)

      »Die Partie des Hans Sachs gehört zu den anspruchsvollsten und längsten im Bassbariton-Fach überhaupt. Sie ist nur mit sehr großer Bühnenerfahrung und gewaltiger Konditionsstärke zu bewältigen - Wolfgang Koch blieb dabei so lässig, entspannt und glaubwürdig, dass er in dieser Rolle weltweit derzeit wohl sehr wenige gleichrangige Konkurrenten hat. Viel Beifall erhielt auch der Bayreuth-erfahrene Klaus Florian Vogt als Ritter Walther von Stolzing.« (Bayerischer Rundfunk)

      »Daniel Barenboim dirigierte ausgesprochen dynamisch, schwungvoll und jugendfrisch.« (Bayerischer Rundfunk)

      »Regisseurin Andrea Moses zeigte die Meistersinger als schwarz-rot-goldene Party, als sehr unterhaltsame deutsche Gegenwarts-Komödie. Andrea Moses zeigte schlicht den deutschen Alltag von heute - und dass der viel witziger ist, als allgemein angenommen.« (Bayerischer Rundfunk)

      »Diese Meistersinger sind für jeden Opernfan ein Muss!« (Bayerischer Rundfunk)

    • Hintergrund

      Daniel Barenboim über die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner

      Wir beginnen die Spielzeit 2015/2016 mit einer Neuproduktion von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, einem Werk, das ich oftmals und in verschiedenen Inszenierungen dirigiert habe, und das ich aus einem ganz bestimmten Grund für diese Saisoneröffnung am 3. Oktober 2015 ausgesucht habe.

      An diesem Tag feiern wir in Deutschland den 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Seit Beginn meiner Amtszeit als Generalmusikdirektor an der Staatsoper vor bald ebenfalls fast 25 Jahren hat das Thema der deutschen Wiedervereinigung für unsere Arbeit in der Staatsoper eine große Rolle gespielt. Von Anfang an arbeiteten Mitarbeiter sowohl aus dem ehemaligen »Ost-Deutschland« als auch aus »West-Deutschland« Seite an Seite miteinander — sei es in der Staatskapelle Berlin, dem Chor, der Technik oder in der Verwaltung. Über die letzten 25 Jahre hinweg hat die Staatsoper alle Herausforderungen gemeistert und gezeigt, dass die Wiedervereinigung Deutschlands wirklich stattgefunden hat. Wir sind glücklich und stolz darüber, an der Staatsoper die gesamte Bandbreite der deutschen Musiktheatertraditionen zu pflegen und kontinuierlich zu erneuern.

      Zu diesem Verständnis der Staatsoper und ihrem kulturellen wie gesellschaftlichem Auftrag passen Wagners Meistersinger als Stück nur zu gut. Denn Die Meistersinger von Nürnberg ist in erster Linie eine Oper über deutsche Kunst und Kultur und deren Vielfalt. Historische Vorlage für die Hauptfigur des Werkes war Hans Sachs, ein Schuster sowie überaus beliebter und produktiver Dichter, der über 6000 Werke schuf. Bei Wagner steht Sachs gleichermaßen für Bewahrung und Erneuerung kultureller Traditionen. Seine Ansprache im letzten Akt und insbesondere sein letzter Satz haben zwar oft zu Interpretationen des Werkes als eines von nationalistischem Gedankengut charakterisierten geführt. Dabei besagt gerade dieser letzte Satz (»Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst!«), dass Kunst auch über den möglichen Verfall des Nationalstaates (oder Reiches) überleben kann und wird. Wagner selbst schreibt in Die Kunst und die Revolution über das »Kunstwerk der Zukunft«, welches nicht einer Vormachtstellung des Nationalen folgen soll, sondern vielmehr Freiheit und Gemeinschaftlichkeit zwischen den Völkern zelebriert: »So soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.«

      Ich betrachte Die Meistersinger von Nürnberg im Geiste ebendieser Wagnerschen Utopie als eine Würdigung deutscher Kultur in all ihrer Vielfalt. Der 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ist ein wunderbarer, froher Anlass für solch eine Würdigung. Die jüngere deutsche Geschichte ist auch gezeichnet von unsäglichem Leid und Schrecken, und es ist mir wichtig, dass wir deutsche Geschichte, Kunst und Kultur — bei aller notwendigen Erinnerung und Ermahnung an diese Zeit — nicht auf diese zwölf Jahre der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft reduzieren. Wir sehen uns heute wieder konfrontiert mit — teilweise brandgefährlichen — Debatten über die Bewahrung deutscher kultureller Werte und Traditionen. Diese sind in keinster Weise gefährdet, sondern werden, ganz im Gegenteil, bereichert durch die Öffnung gegenüber und den Austausch mit anderen Kulturen. In den Meistersingern lässt Wagner — selbst bekannt für seinen innovativen Geist (»Kinder, schafft Neues!«) — seinen Protagonisten Hans Sachs gemeinsam mit dem Außenseiter und Erneuerer Walter von Stolzing kämpfen für die vom Komponisten selbst formulierten Ideale der künstlerischen Freiheit und Erneuerung, dem Durchbrechen etablierter, spießiger Traditionen — nicht ohne jedoch die positiven Aspekte der gewonnen Traditionen zu schätzen und zu bewahren. In diesem Sinne betrachte ich Die Meistersinger von Nürnberg nicht als Ausdruck deutschen Nationalismus sondern als Würdigung deutscher Kultur und Kunst, die ich als ungemein vielfältig und tolerant ansehe, ebenso wie die deutsche Gesellschaft.