In unserer ersten Unterhaltung über »Madame Butterfly« sagten Sie einen Satz, der wohltuend von dem mitleidvollen Klischee gegenüber der Titelfigur abwich. Sie sagten, daß »Butterfly« nicht nur Opfer männlicher Willkür, sondern auch ihrer eigenen Selbsttäuschung ist. Wie begründet sich das?
»Butterfly« hat eine sehr konkrete familiäre Situation nach dem Absturz der Familie durch das Harakiri ihres Vaters - Verarmung und gesellschaftliche Ächtung. Gegen die Bräuche ihres Standes ist sie in die Geisha-Situation geraten, notgedrungen. Sie kann sich als aufmerksames junges Mädchen vorstellen, was das in einer Hafenstadt mit ausländischen Matrosen bedeuten kann, wenn sie älter wird. Das Dasein einer Geisha hatte ja etwas sehr ambivalentes, und die Nähe zur Prostitution war nicht ganz auszuschließen. Sie muß also ganz dringend versuchen, aus dieser Situation herauszukommen. Man kann sich denken, was in dieser psychischen Notlage das Bild des fremdartigen Mannes bedeutet, der auch noch lohengrinartig auf dem Wasser kommt, von weit her, ganz anders als sie selbst. Sie ist also außerordentlich vorbereitet, jetzt in so einen Jungen maßlos viel hineinzuprojizieren über Zukunft, über anderes Leben, über Anders-Behandelt-Werden als Frau.
Könnte es sein, daß ihre Sehnsucht durch die Begegnung mit Pinkerton zum ersten Mal zur konkreten Hoffnung wird durch die Art, wie er sie behandelt, wie er sie höflich behandelt, wie er ihr erzählt über die Freiheiten amerikanischer Frauen?
Das ist der Punkt. Die Frau im Japan dieser Zeit war nicht nur unterdrückt, es gab auch eine fast schizophrene Trennung in die Frau für die Lust, die Kurtisane, die Frau für die Kultur, die Geisha, und die Frau für zu Hause, die zum Putzen und Kinderkriegen da war; die auch am gesellschaftlichen Leben kaum teilnehmen konnte, die also ganz grau irgendwo hinter Papierwänden versteckt war. Für eine Frau, die diese Art der Behandlung kennt, die historisch ja beschrieben ist, kann schon eine normale westliche Höflichkeit eine ungewöhnliche Aufwertung des Selbstwertgefühls bedeuten. Wenn der junge Mann auch noch Charme hat und durch das Geheimnis seiner Fremdartigkeit beeindruckt, dann ist die Liebe auf den ersten Blick - für ein Mädchen in »Butterflys« Lage - schnell da. Eine Wirkung nun wiederum, wie sie Pinkerton bei einem amerikanischen Girl, das seine Gefühle eher zu verbergen gelernt hat, niemals erreicht hätte. Durch »Butterflys« 15jährige Begeisterung blüht ihm etwas entgegen, was er zu Hause doch auch nicht kannte, so daß auch bei ihm etwas zu schwingen anfängt; er ist aber nicht bereit - und das ist das Dilemma - dieses Gefühl in eine anhaltende Verantwortlichkeit überzuführen. Also er ist nicht einfach der miserable Kerl, der sich kaltlächelnd ein Abenteuer kauft. Es ist durchaus so, daß dieser Pinkerton, so wie »Butterfly«, Illusionen hat, daß er das Bild der fremdartigen, exotischen Frau in sich trägt, mit der sich auch besonders intensive erotischen Erwartungen verbinden. Das alles will er erleben. Und bestimmt wird er in den drei Monaten, die er da ist, darauf bestehen, daß sie immer schön im Kimono und diesen Schühchen rumläuft und ihre Verbeugungen macht - das Bild soll stimmen. Sie aber will genau da raus. Ein erstes großes Mißverständnis passiert, wenn ihm »Butterfly« im ersten Akt mit amore mio um den Hals fällt; das beunruhigt ihn zutiefst, weil sie zuvor erzählt hat, sie möchte seine Religion annehmen, was er doch überhaupt nicht will.
Aber sie hat doch die Religion wirklich gewechselt.
Das ist die Frage. Sie hat sich im Missionshaus nur erkundigt, zu welchen Bedingungen sie wechseln kann. Und Pinkerton will das gar nicht. Ich glaube sogar, er verhindert den Religionswechsel während der drei Monate, die er bei ihr ist.
Setzt nicht der Fluch des Bonzen eigentlich voraus, daß sie schon den christlichen Glauben angenommen hat?
Er fragt nur, was hast du in der Mission gemacht - natürlich weiß er es - und das genügt, um sie zu verstoßen.
Das ist für »Butterfly« wie ein Schnitt ins Fleisch - den sie aber gewollt hat. Was bedeutet Fluch für Pinkerton?
Entscheidendes! Jetzt erst kapiert der Mann eigentlich, was es für sie bedeutet, diese Ehe einzugehen, selbst wenn sie zeitlich begrenzt ist, wovon er ja ausgeht. Am Anfang des ersten Aktes sagt er, ich werde sowieso eine Amerikanerin heiraten. Überhaupt ist er da sehr schnoddrig, arrogant, auftrumpfend, wenn er gleich seine Fahne aufpflanzt. Und dann kommt der Drehpunkt, durch den Bonzen. Plötzlich entsteht in dem Jungen eine ganz andre Zärtlichkeit für »Butterfly«, eine Vorsicht mit ihr, ein Respekt, wie es von ihm anfangs nicht zu erwarten war. Also er verändert sich, und zwischen den beiden entsteht wirkliche Zuwendung und Behutsamkeit und Nähe. Ich will damit sagen, ich wehre mich sehr gegen die simple moralische Klassifizierung des Pinkerton und der »Butterfly«. Es ist ja weder realistisch noch auf dem Theater spannend, wenn unsere moralischen Einordnungen - wer ist gut, wer ist böse, wer ist Täter, wer Opfer - eindeutig sind. Ich finde es schrecklich, wenn im Theater moralische, auch poetische Eindeutigkeit, etwa in unserem Fall in dem Sinn böser Kolonialist zerstört Mädchen aus der Dritten Welt angestrebt wird. Ich glaube, es gibt Züge in »Butterfly« - um das Opfer noch einmal aufzugreifen - seltsame Züge, fast nekrophile. Wenn sie den Dolch sieht und sich vorstellt, wie der Schmetterling an die Wand gepiekt wird, oder wenn sie sagt, sie könnte gleich sterben, weil das Glück zu groß ist - da scheint wirklich ein Trauma in ihr zu stecken. Als sie noch Kind war, hat es eine schreckliche Situation für sie gegeben, als der Vater im Haus in seinem Blut lag. Das ist das Bild, das sich eingebrannt hat in dem Kopf des kleinen Mädchens, und es ist eingebrannt mit der Wucht der Religion. Da wirkt etwas nach in ihr, was über die reine Lieblichkeit und Grazie hinausgeht, was sie auch zu diesem sehr fragwürdigen Akt mit dem Selbstmord und dem Kind treibt. Da ist sie schon eine, die aus ihrem Tod einen großen Abgang macht, und der soll so sein, daß sich alle noch lange daran erinnern.
Trotzdem denke ich, daß dieses Arrangement nicht nur Kalkulation ist...
...natürlich nicht nur...
...sondern sie hat inzwischen begriffen, daß seine Liebe zwar auch entstanden war, er sie aber trotzdem vergessen konnte.
Er wird es nie vergessen. Er kann aber mit dieser Tatsache ganz gut leben. »Butterfly« mußte wissen, wieviel so eine Ehe wert ist. Pinkerton wäre bestimmt gern noch ein paar Monate oder ein Jahr bei ihr geblieben. Er kann nur nicht über den Schatten seiner Kultur und seiner militärischen Ehre springen und z. B. den Befehl zur Abreise verweigern. Sein schlechtes Gewissen, das er zweifellos hat, beruhigt er, indem er die Miete bezahlt und Geld da läßt. Offenbar konnte »Butterfly« drei Jahre lang relativ sorgenfrei leben. Pinkerton kann nicht wissen - oder er macht sich keine Gedanken darüber -, daß ohne sein Geld für »Butterfly« der Abstieg, den sie sich in dem einen Arioso im zweiten Akt ausmalt, nun wirklich bevorsteht. Sie wird auf die Straße gehen, sie wird betteln und tanzen müssen, und die Tänze werden womöglich immer freier werden müssen, damit sie davon leben kann. Ihr Weg ist in wirklich grausamer Weise vorgezeichnet.
Sie hätte natürlich eine andere Chance, nein keine Chance, eine andere Möglichkeit, sie könnte den Fürsten Yamadori heiraten.
Nur heiratet der Fürst wie der berühmte Emir von Kuweit, der immer donnerstags geheiratet hat. Dann hat der Fürst zufällig seinen Palast in dem Geisha- und Kurtisanenviertel, d. h., man könnte vermuten, er ist so etwas wie ein fürstlicher Zuhälter. Jedenfalls ist er nicht unbedingt eine Person, der sich »Butterfly« anvertrauen kann, diese Ehe wäre nur ein Aufschub des Abstiegs.
Außerdem ist »Butterfly« in ihrer Liebe zu Pinkerton innerlich so gebunden, daß der Gedanke an einen anderen Mann überhaupt nicht mehr aufkommen kann, das wäre einfach absurd für sie.
Trotzdem - wenn eine Frau in ihrer Notlage ist und erkennen muß, daß diese Liebe einfach vorbei ist und das Kind weggenommen wird, da wäre es schon verständlich, wenn sie mit einem nüchternen Entschluß sagt, ehe ich betteln gehe, werde ich eben Frau Yamadori. Aber das schließt sich aus, sie ist in ihrer Liebe radikal.
Es ist ja das Große an ihr, und an vielen Frauenfiguren der Opernliteratur, daß sie in ihrer Liebe treu bleiben, auch wenn der Mann sie enttäuscht. Oder wenn irgend etwas diese Beziehung stört oder zerstört, daß sie nicht darauf aus sind, ihr Gefühl totzuschlagen, sondern auf dem Gefühl bestehen.
Ja, diese große weiblich Tugend kommt immer wieder vor, das hat die Opernkunst schon lange vor der Emanzipationsbewegung entdeckt. Und Puccini hat das ganz besonders tief erfaßt. Er ist ein Künstler, der für die großen und wahrhaftigen Gefühle nicht die große Heroine braucht. Seine Mimis und Musettas und »Butterflys« sind einfach Leute, und auch Cavaradossi z. B. ist nun mal kein Michelangelo. Darin besteht Puccinis Humanismus.