Innere und äußere Gründe waren es, die zur Entstehung des TRISTAN beitrugen. Die mittelalterlichen literarischen Gestaltungen des Stoffes kannte Wagner schon von seinen Dresdener Studien her. Seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf das Sujet gelenkt, als ...
Innere und äußere Gründe waren es, die zur Entstehung des TRISTAN beitrugen. Die mittelalterlichen literarischen Gestaltungen des Stoffes kannte Wagner schon von seinen Dresdener Studien her. Seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf das Sujet gelenkt, als sein Freund und Famulus Karl Ritter daran ging, nach Gottfried von Straßburgs TRISTAN-Epos ein Drama zu gestalten. Der tiefere Grund für die Entstehung des TRISTAN ist allerdings darin zu suchen, dass die Arbeit am SIEGFRIED stagnierte. In der Hinwendung zum TRISTAN, den er als »Ergänzungsakt des großen, ein ganzes Weltverhältnis umfassenden Nibelungenmythos« betrachtete, sah Wagner einen Ausweg aus der Krise. Zweifellos besaß auch Wagners Liebesbeziehung zu Mathilde Wesendonck tief innerliche Bedeutung für den Schaffensprozess.
Den mittelalterlichen Quellen entnahm Wagner kaum mehr als die Grundidee. Er verzichtete auf alles Beiwerk und all die vielen Handlungsdetails, die sich in den Vorlagen finden. Das Geschehen erfährt bei ihm eine Ausweitung nach innen, wird zum psychologischen Drama, das mit den Mitteln der Musik in die Tiefen des Unterbewusstseins vordringt.
Die Musik des TRISTAN nimmt eine Sonderstellung in Wagners Schaffen ein. Weder vorher noch nachher bediente er sich solcher Ausdrucksmittel. Zu Recht spricht man von einem eigenen TRISTAN-Stil. Dieser ist durch eine Melodik gekennzeichnet, die im Streben nach höchster Expressivität jene »Sehnsucht«, jenes »unstillbare, ewig neu sich gebärende Verlangen, Dürsten und Schmachten« ausdrückt, von dem Wagner in seiner programmatischen Erklärung des TRISTAN-Vorspiels spricht.
»In nuce« ist der TRISTAN-Stil bereits in den ersten Takten des Vorspiels enthalten: in jenem sehnsuchtsvollen Motiv, das mit seinem schmerzlich-verlangenden »Tristan-Akkord« wie ein Motto des ganzen Werkes erscheint. Wagners geniale Tat war es, sämtliche nach Erweiterung der melodischen und harmonischen Sprache drängenden Bestrebungen des 19. Jahrhunderts zu einer musikalischen Sprache verdichtet zu haben, die — wie Richard Strauss es formulierte — »unter alle Romantik [...] den göttlichen Schlusspunkt« setzt. Gleichzeitig stellt der TRISTAN mit seiner Tendenz zur Auflösung der tonalen Grundlagen einen Vorausgriff auf die Musik des 20. Jahrhunderts dar, auf den Impressionismus Debussys ebenso wie auf die Wiener Zwölftonschule Arnold Schönbergs.





