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24. Januar 2010

5. AbokonzertStaatskapelle Berlin - GEWIDMET DEM ANDENKEN AN OTMAR SUITNER

Ein Programm allein mit Kompositionen von Arnold Schönberg, einem der zentralen Protagonisten der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin widmen sich drei Werken aus verschiedenen Schaffensphasen: Während die ausgesprochen ...

Ein Programm allein mit Kompositionen von Arnold Schönberg, einem der zentralen Protagonisten der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin widmen sich drei Werken aus verschiedenen Schaffensphasen: Während die ausgesprochen farbige und klanglich opulente Sinfonische Dichtung »Pelleas und Melisande« sowie die ursprünglich als Streichsextett konzipierte »Verklärte Nacht« noch deutliche spätromantische Züge tragen, sind die Variationen für Orchester einer anderen Ästhetik und anderen Konstruktionsprinzipien verpflichtet. Mit diesem 1928 uraufgeführten Werk bewies Schönberg, dass man durchaus auch für den großen Orchesterapparat zwölftönig komponieren kann.

Die Sinfoniekonzerte am 24. und 25. Januar haben Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin dem Andenken an Otmar Suitner gewidmet.

TRAUER UM OTMAR SUITNER

Die Staatsoper Unter den Linden trauert um Professor Otmar Suitner, Ehrenmitglied der Staatsoper Unter den Linden und Ehrendirigent der Staatskapelle Berlin, der am 8. Januar 2010 im Alter von 87 Jahren verstarb.

Am 16. Mai 1922 in Innsbruck geboren, studierte Otmar Suitner am Konservatorium seiner Heimatstadt Klavier bei Fritz Weidlich und von 1941 bis 1943 am Salzburger Mozarteum Klavier bei Franz Ledwinka und Dirigieren bei Clemens Krauss. Sein Debüt als Operndirigent gab Suitner am Innsbrucker Landestheater, wo er bis 1945 Kapellmeister war. Gleichzeitig war er Konzertpianist und Liedbegleiter.

Von 1952 bis 1957 wirkte Otmar Suitner als Städtischer Musikdirektor im Remscheid, zwischen 1957 und 1960 als Generalmusikdirektor am Pfalzorchester in Ludwigshafen. In Dresden stand er von 1960 bis 1964 als Chefdirigent der Staatskapelle und der Staatsoper vor.

1964 erfolgte die Berufung Suitners an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin. In seiner 26-jährigen Tätigkeit bis 1990 prägte er dort in einer Vielzahl von Opernabenden und Konzerten das musikalische Profil des Hauses. Für die Staatsoper und die Staatskapelle war Otmar Suitner eine integrierende richtungweisende Persönlichkeit, die zur rechten Zeit mit hoher Motivation über ein Vierteljahrhundert die Geschichte des Hauses lenkte. Als nach dem Bau der Berliner Mauer und der totalen Abgrenzung der DDR das Ensemble der Staatsoper erheblich dezimiert war – allein die Staatskapelle verlor rund 60 ihrer Musiker –, kam Otmar Suitner, der das neue, stark verjüngte Ensemble wieder formte und ihm zu erneuter internationaler Reputation verhalf.

Seine Spielplankonzeptionen waren Meisterstücke. Es gelang ihm, aus dem Möglichen das Beste zu arrangieren und der Staatsoper jene internationale Strahlkraft zu verleihen, die sie wieder zu Weltruhm führte. Seiner Diplomatie und Beharrlichkeit verdanken wir den Erhalt eines künstlerischen Freiraumes auch in der SED-Diktatur und der Ehrlichkeit seines künstlerischen Anliegens verdanken wir unvergessliche Aufführungen.

Professor Otmar Suitner hat in seinen Programmen das Tor zur Moderne aufgestoßen – schon in seinem Antrittskonzert 1964 erklangen die in der DDR als “formalistisch“ verunglimpften Fünf Orchesterstücke Op. 16 von Arnold Schönberg.

1964 bis 1967 dirigierte Suitner den “Fliegenden Holländer“, “Tannhäuser“ und den “Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen. Triumphale Erfolge feierte Suitner bei den Gastspielen der Staatsoper und der Staatskapelle in fast allen europäischen Ländern und in Japan, wo er Ehrendirigent des NHK Symphony Orchestra Tokyo war.

Prof. Otmar Suitner war u. a. Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse sowie des Gregorius Ordens und wurde durch Papst Paul VI. zum Commendatore ernannt. Außerdem wurde ihm zweimal der Nationalpreis der DDR verliehen.

Am 4. September 1989 wurde Otmar Suitner zum Ehrenmitglied der Staatsoper Unter den Linden ernannt und ab 1990 zum Ehrendirigent der Staatskapelle Berlin.

Ein großer Künstler und eine bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte der Staatsoper Unter den Linden und deren Staatskapelle ist von uns gegangen.

Alle Mitglieder der Staatsoper Unter den Linden und Staatskapelle Berlin trauern um Otmar Suitner und werden ihm immer einen ehrenvollen Platz im Herzen bewahren.

Die Intendanz


ARNOLD SCHÖNBERG
»Pelleas und Melisande« op. 5
»Verklärte Nacht« op. 4
(Fassung für Streichorchester)
Variationen für Orchester op. 31
ca. 2:05 h - 1 Pause
Konzerteinführung von Detlef Giese um 19:15 Uhr
  • Aus dem Programmbuch

    Inspiriert vom Drama: Schönbergs »Pelleas und Melisande«
    Detlef Giese

    Als im Mai 1893 »Pelléas et Mélisande«, das fünfte Werk des jungen belgischen Dramatikers Maurice Maeterlinck (1862-1949), in Paris erstmals aufgeführt wurde, konnte wohl kaum jemand ahnen, dass dieses Stück in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine ungeheure Wirkungskraft entfalten würde. Insbesondere auf die Musik der Jahre um 1900 sollte Maeterlincks Drama ausstrahlen: Einschließlich geplanter, letztlich aber nicht realisierter Vorhaben sind insgesamt 16 Kompositionen nachweisbar, die sich mit dem »Pelléas«-Stoff auseinandersetzen. Unter ihnen ist Claude Debussys Oper, an der der Komponist unmittelbar nach der Theaterdarbietung zu arbeiten begann und die 1902 ihre Uraufführung erlebte, gewiss am prominentesten geworden, aber auch andere Werke, etwa diejenigen von Gabriel Fauré, Jean Sibelius und Arnold Schönberg, konnten sich als eigenständige Annäherungen behaupten.

    Auffallend ist hierbei, dass das Sujet in verschiedenen musikalischen Genres verarbeitet wurde: In Bühnenwerken (Opern und Balletten) ebenso wie in Schauspielmusiken, Ouvertüren oder Sinfonischen Dichtungen. So unterschiedlich hierbei auch die Annäherungen an den Gegenstand, die künstlerischen Konzeptionen sowie die konkreten Gestaltungsformen sein mögen: Die gemeinsame Basis der Werke besteht darin, dass sie sich unmittelbar auf die Dramenvorlage beziehen und diese reflektieren.

    Vor dem Hintergrund einer beachtlichen, wenngleich eher kurzlebigen Popularität der frühen Bühnenwerke Maeterlincks ist vor allem nach den Gründen dafür zu fragen, warum sich derart viele Künstler (neben Komponisten waren es ebenso Maler und Literaten) gerade für diese Stücke interessierten und sich kreativ mit ihnen auseinanderzusetzen suchten. Die unterschiedlichen Voraussetzungen und Perspektiven ermöglichten hierbei eine erstaunliche Vielfalt an Lösungen, die jeweils für sich einen künstlerischen Eigenwert beanspruchen können.

    In erster Linie dürften es die besondere Machart und der besondere Charakter der Maeterlinck’schen Bühnenwerke gewesen sein, die eine derart intensive Rezeption angeregt haben. Die Konstellation und Führung der Figuren, die weitgehende Zurücknahme aktiver äußerer Handlungen zugunsten der inneren Entwicklungen, das geheimnisvoll-unbewusste, symbolhafte Aufeinanderbezogensein von Personen und Dingen sowie das Aufscheinen einer seltsam verschatteten Atmosphäre, in welche die schicksalhaft bestimmte Existenz der Protagonisten eingebettet ist, mag hierbei entscheidend gewesen sein. Dadurch, dass Vieles im Vagen verbleibt und lediglich angedeutet wird, Rätsel- und Zeichenhaftigkeit programmatische Bedeutung gewinnt und das Geschehen vielfach an mystisch-legendären Orten und in ebensolchen Zeiten angesiedelt ist, wird die gesamte Dramenhandlung mit einer eigentümlichen Stimmung überzogen.

    Mit einer solchen künstlerischen Ausrichtung konnte Maurice Maeterlinck zu Recht als maßgeblicher Vertreter des Symbolismus angesehen werden. Was dieser Begriff im inhaltlichen Kern indes wirklich umgreift, ist nicht leicht zu bestimmen, handelt es sich doch weder um eine Epochenbezeichnung noch um einen Kunststil. Vielmehr kann damit eine Haltung bzw. Weltsicht umschrieben werden, die insbesondere in Westeuropa spürbaren Einfluss gewann, insgesamt aber als eine gesamteuropäische Erscheinung der Moderne wirkte. Angeregt von der idealistischen Philosophie Arthur Schopenhauers, den Gedanken des schwedischen Naturforschers und Visionärs Emanuel Swedenborg, dem Theater William Shakespeares, der Literatur Edgar Allan Poes, dem Denken der deutschen Romantiker sowie dem Musikdrama Richard Wagners entwickelte sich eine ästhetische Strömung, die in den Jahrzehnten zwischen ca. 1870 bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs das künstlerische Schaffen verschiedener Disziplinen nachhaltig bestimmte.

    Als Zentralgestalt der symbolistischen Bewegung gilt der Franzose Stéphane Mallarmé (1842-1898), der mit seinen Gedichten, Dramenfragmenten sowie theoretischen Entwürfen zentrale Ansatzpunkte für jene symbolistische Ästhetik lieferte, die in der Blütezeit dieser Ideen in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts für einen Kreis von Literaten, Malern und Musikern essentielle Leitlinien abgaben. Die Konzentration auf das Innenleben der Figuren als Komplement zu einem gleichsam statischen äußeren Handlungsablauf, der Verzicht auf alles Ornamentale sowie eine Sprache, die statt semantischer Klarheit im Ungefähren, Mehrdeutigen verbleibt, waren hierbei kennzeichnend.

    Mallarmé selbst hat in seinen – häufig unvollendet gebliebenen – Werken diese Momente nur bedingt verwirklichen können. Besondere Hoffnungen setzte er jedoch auf einen jungen Dramatiker, der sich imstande zeigte, seine Ideen auf überzeugende Weise praktisch umzusetzen und die Grundzüge des symbolistischen Denkens in seinen Bühnenwerken zu verankern: Maurice Maeterlinck. Zwischen 1889 und 1896 verfasste er insgesamt neun Dramen und zahlreiche Gedichte, womit er in den Jahren unmittelbar vor 1900 zum führenden Autor des Symbolismus avancierte.

    Zusammen mit Schriftstellern wie Rodenbach, Verhaeren van Lerberghe und Elskamp gehörte Maeterlinck zu einem Kreis von belgischen Symbolisten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung prägten. Allesamt Angehörige der flämischen Oberschicht des erst seit 1830 souveränen Belgien schrieben sie – durchaus typisch für diese soziale Gruppe – in französischer Sprache, ohne aber zugleich in eindeutiger Weise französisch kulturiert zu sein. Vielmehr muss von einer spezifisch belgischen Spielart des Symbolismus ausgegangen werden, die diese Künstler vertraten und die sich, trotz aller Parallelen zu den französischen Vorbildern, durch eine spürbare Eigenständigkeit auszeichneten.

    Im Falle von Maeterlinck – der sich nach 1900 von seinem Frühwerk distanzierte, dem aber für seine späteren, ästhetisch merklich anders orientierten Dramen 1911 sogar der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde – waren es sowohl die Sujets als auch die originelle Gestaltung, der Künstler verschiedener Genres ansprach: Unter ihnen befanden sich so bekannte Namen wie Strindberg, Rilke und die Brüder Mann, aber auch Regisseure des modernen Theaters wie Max Reinhard im deutschsprachigen Raum und Wsewolod Meyerhold in Russland. Insbesondere »Pelléas et Mélisande« galt als Prototyp symbolistischer Kunst und fand entsprechend große Resonanz. Zahlreiche Übersetzungen sorgten dafür, dass sich das Drama rasch verbreitete – als Lese- wie als Bühnenstück gleichermaßen.

    Dass sich auch Komponisten dem »Pelléas« zuwandten, war angesichts der ausgesprochenen Musikalität, die Maeterlincks Sprache innewohnte, kaum erstaunlich. Bereits kurze Zeit nach der Uraufführung 1893 suchte Claude Debussy bei Maeterlinck um eine Vertonung des Textes nach – es sollte jedoch ein knappes Jahrzehnt dauern, bis seine Oper aufführungsreif vorlag. Auch Giacomo Puccini hatte sich um die Rechte bemüht; da Maeterlinck jedoch prinzipiell jeweils nur einen Komponisten autorisierte, eines seiner Dramen als Opernlibretti zu nutzen, hatte er gegenüber Debussy das Nachsehen.

    Musik zu Schauspielaufführungen benötigten indes keine Genehmigungen. Der Erfolg, den Maeterlincks Bühnenwerke europaweit fanden, ließ den Wunsch entstehen, ausgewählte Szenen bzw. bestimmte Zäsuren der dramatischen Handlung (etwa die Schnittstellen zwischen den Akten) musikalisch auszugestalten. Die bekanntesten Versionen stammen von Gabriel Fauré, der 1898 für ein Londoner Schauspielhaus eine ganze Reihe zumeist kürzerer Musiknummern komponierte, sowie von Jean Sibelius, der seine Bühnenmusik für eine Aufführungsserie des Schwedischen Theaters in Helsinki schrieb.

    Einen gänzlich anderen Weg, Maeterlincks Sujet mit den Mitteln der Musik auszuformen, beschritt Arnold Schönberg. Seine »Symphonische Dichtung für großes Orchester« genannte Komposition »Pelleas und Melisande« war von vornherein als selbstständiges Instrumentalwerk entworfen – und wollte auch entsprechend begriffen werden. Nach den Vorbildern von Liszt und Strauss beabsichtigte Schönberg, eine programmatische Vorlage – in diesem Falle das Drama Maeterlincks – zum Ausgangspunkt eines ansonsten weitgehend freien Umgangs mit dem Material zu nutzen: Nicht die Bebilderung einzelner, isolierter Szenen stand im Mittelpunkt, sondern vielmehr eine eigenständige Darstellung und Interpretation des dramatischen Geschehens.

    Auf Maeterlincks Werk aufmerksam gemacht wurde Schönberg von keinem Geringeren als Richard Strauss. Schönberg hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin 1901 den Kontakt zu seinem älteren, als Komponist wie Dirigent bereits arrivierten Kollegen gesucht und von ihm vielfältige Unterstützung erfahren. Zum einen setzte sich Strauss, der seit 1898 als Kapellmeister an der Königlichen Oper tätig war, für den zu großen künstlerischen Hoffnungen Anlass gebenden, aber weitgehend mittellosen Schönberg ein, indem er ihm mehrfach für Stipendien empfahl, zum anderen erteilte er ihm den Auftrag, gegen ein ansehnliches Honorar bei der Herstellung seines groß besetzten Chorwerkes »Taillefer« behilflich zu sein. 1902 entwickelte sich ein intensiver, nicht zuletzt künstlerische Fragen umfassender Austausch zwischen beiden Komponisten, die zu jenem Zeitpunkt ästhetisch durchaus ähnliche Positionen vertraten: Beide entstammten der nachwagnerischen Tradition der deutsch-österreichischen Romantik, die für sie entscheidende Bezugspunkte bereithielt. Das Überschreiten der Grenzen hin zur Atonalität, wie sie Schönberg nur wenige Jahre später wagen sollte, konnte Strauss indes nicht mehr nachvollziehen – das Verhältnis zwischen ihnen kühlte sich merklich ab.

    Zu Beginn des Jahrhunderts empfanden Strauss und Schönberg jedoch noch eine ausgesprochene Sympathie füreinander. Der Hinweis Strauss’ auf Maeterlinck scheint Früchte getragen zu haben, legte sich Schönberg doch eine ganze Reihe an Maeterlinck-Bänden zu und betätigte sich als eifriger Leser. Wie zahlreiche andere Komponisten auch zeigte er sich von den frühen Dramen Maeterlinks äußerst angetan und beschloss, »Pelleas und Melisande« zum Gegenstand einer größeren Komposition zu machen. Im Juli 1902 skizzierte Schönberg erstmals den grundlegenden Verlauf, nur ein gutes halbes Jahr später lag die Partitur vor, die gleichwohl noch einmal zwei Jahre, bis zum Februar 1905, auf ihre Uraufführung warten musste.

    Offensichtlich besaß Schönberg keine Kenntnis von Debussys nahezu zeitgleich vollendeter Oper; zudem waren die ästhetischen Voraussetzungen und stilistischen Techniken beider Komponisten so grundverschieden, dass eine unmittelbare Beeinflussung wohl auch im Falle einer Bekanntschaft mit Debussys Werk ausgeschlossen werden kann. Schönberg kam es wesentlich darauf an, den Weg, den er vor einigen Jahren eingeschlagen hatte, konsequent weiter zu verfolgen: Mit seinem 1899 komponierten Streichsextett »Verklärte Nacht« op. 4 war es ihm gelungen, im Bereich der Programmmusik ein gleichermaßen kompositonstechnisch ambitioniertes wie klanglich eindrucksvolles Werk vorzulegen, mit den 1901 (nach mehr als einem Jahrzehnt Arbeit) vollendeten »Gurreliedern«, die mit ihrer riesenhaften, selbst Wagner und Strauss übertreffenden Orchesterbesetzung, hatte er darüber hinaus neue Maßstäbe gesetzt.

    Beide Momente, der Zug zum Programmatischen wie der gesteigerte äußere Aufwand, lassen sich auch – und gerade – in »Pelleas und Melisande« finden. Das Zusammenfließen der bisherigen Erfahrungen machen Schönbergs op. 5 zum bedeutendsten Werk der frühen, noch wesentlich tonal bestimmten Phase seiner künstlerischen Biographie. Allein die zeitliche Ausdehnung und die Orchesterbesetzung sprengen die üblichen Dimensionen. Eine Sinfonische Dichtung von ca. einer Dreiviertelstunde Länge (wohlgemerkt in einem durchgängig komponierten Satz) hat weder Liszt noch Strauss geschrieben, auch sorgt die überreiche Instrumentierung, die aus einem umfangreichen Apparat an Streichern, Holz- und Blechbläsern besteht (die zudem in einer ausgesprochen dichten, hoch differenzierten Satztechnik verwendet werden), für ganz ungewöhnliche Wirkungen.

    Ebenso interessant wie das Partiturbild selbst ist die inhaltliche Disposition, die Schönberg in seinem Werk zu verwirklichen sucht. Mit verhältnismäßig wenigen Grundmotiven bemüht er sich um eine Nachzeichnung der wesentlichen Szenen und Handlungsstränge des Dramas. Jeder der drei Hauptfiguren, Melisande, Pelleas und Golaud, werden eigene Themen zugeordnet, die in zahlreichen Transformationen und klanglichen Varianten wiederkehren, womit sie die wechselnden Situationen beleuchten. Zu Melisandes elegischem, durch Chromatismen angereichertem expressivem Thema, dem forschen, durch größere Intervallsprünge ausgezeichneten Motiv Pelleas’ sowie dem rhythmisch deutlicher akzentuierten Erkennungsthema Golauds tritt an verschiedenen Passagen eine besonders prägnante Tonfolge auf, welcher die Funktion eines »Schicksalsmotivs« zukommt. Dieses Thema ist in wechselnden Gestalten an entscheidenden Wendepunkten der Sinfonischen Dichtung zu hören und lastet wie ein böses Omen über dem gesamten Geschehen. Sowohl die Hauptpersonen des Dramas als auch die maßgeblichen Themen, Liebe und Eifersucht, scheinen diesem »Schicksal« unentrinnbar unterworfen zu sein.

    Zum besseren Verständnis seien die Grundzüge der Handlung, an die sich Schönberg unmittelbar anlehnt, an denen er gleichsam entlang komponiert, zusammengefasst. Golaud hat sich in einem dichten Wald verirrt, trifft dort auf die geheimnisvolle Melisande, deren Schönheit ihn ganz gefangen nimmt. Golaud beginnt um sie zu werben – schließlich zieht sie, eines eigenen Willens beraubt, an seiner Seite in sein Schloss ein. Bereits hier macht die Musik offenbar, dass es nichts Anderes als ein tragisches Ende geben kann.

    Golauds jüngerer Bruder Pelleas, der nun die Szene betritt, begegnet Melisande: Eine seltsame Kraft, der sie nicht ausweichen können, scheint sie anzuziehen. Golaud spürt dies und versucht, Melisande fest an sich zu binden, was ihm aber nicht gelingt.

    Auf eine Generalpause folgt die Szene am Brunnen: Melisande spielt gedankenverloren mit dem Ring, den Golaud ihr als Zeichen seiner Zuneigung geschenkt hat. Das Schmuckstück fällt in den Schacht hinab, zur selben Zeit stürzt Golaud vom Pferd – ein böses Omen. Immer stärker wird Golaud von Gefühlen der Eifersucht ergriffen: Argwöhnisch beobachtet er Pelleas und Melisande. Zur Abschreckung führt er Pelleas in die düsteren Katakomben des Schlosses, was mit ebenso düsteren Klängen imaginiert wird.

    Trotz allem: Pelleas und Melisande haben sich schicksalhaft in Liebe gefunden – die Musik lässt keinen Zweifel daran. Golaud, inzwischen rasend geworden, stürzt sich auf seinen Bruder und erschlägt ihn. Monate später, nach der Geburt seines Kindes durch Melisande, muss er miterleben, wie seine Frau im Sterben liegt: Statt Eifersucht sind es nun Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die in ihm durchbrechen. Die Tragödie hat sich mit Melisandes Tod vollendet.

    Schönbergs Komposition versammelt in komplexer Reihung und Verschachtelung die verschiedenen musikalischen Themen und Motive, die sich zu einem fortlaufenden Strom der Dramenerzählung zusammenschließen. Nicht die Statik und detailreiche Schilderung einzelner Szenen ist Schönbergs Absicht, sondern die Nachzeichnung der dramatischen Entwicklung, die schließlich in Melisandes Tod kulminiert. Auf diese Weise liefert Schönberg weniger eine bilderreiche Begleitung von Maeterlincks Vorlage als vielmehr bereits dessen Interpretation aus einer ganz subjektiven Sicht heraus.

    Unterstützt wird diese zutiefst persönliche Deutung durch eine Klangsprache, die ihre Vorbilder Wagner und Strauss, z. T. auch Mahler, keinesfalls verleugnet. Die weit fortgeschrittene Harmonik, der vielschichtige, oft polyphon angelegte Tonsatz sowie der Einsatz sämtlicher nur möglicher Farben des großen spätromantischen Orchesters sorgen zum einen für eine effektvolle klangliche Außenseite, haben andererseits aber auch zur Folge, die jeweiligen seelischen Zustände der Dramenfiguren plastisch hervortreten zu lassen. In diesem Moment strikter Psychologisierung, wie sie etwa in »Tristan und Isolde« zum Tragen kommt, erweist sich Schönberg, kurz bevor er ihre Pfeiler erheblich ins Wanken bringen wird, noch einmal als Fortführer einer Tradition, die bei den »Neudeutschen« um Liszt und Wagner in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang genommen hatte, die nun aber schrittweise umgeformt und schließlich zu einer dezidiert »Neuen Musik« werden sollte.

  • Hintergrund

    Vom Dichter inspiriert: Schönbergs »Verklärte Nacht«
    Detlef Giese

    »Ihre Gedichte haben auf meine musikalische Entwicklung entscheidenden Einfluß ausgeübt. Durch sie war ich zum ersten Mal genötigt, einen neuen Ton in der Lyrik zu suchen.« Als Arnold Schönberg 1912 diese Zeilen an den Dichter und Dramatiker Richard Dehmel (1863-1920) richtete, gehörten beide zu den zwar umstrittenen, im Großen und Ganzen aber durchaus anerkannten Künstlern der Gegenwart. Noch ein gutes Jahrzehnt zuvor, am Ausgang des 19. Jahrhunderts, hatten jedoch sowohl Dehmel als auch Schönberg mit ihrem Schaffen nur wenig Resonanz gefunden.

    Erst in den Jahren nach 1900 sollte ihr Schaffen stärker beachtet werden – und sich zugleich die Einsicht durchsetzen, dass es sich bei der Lyrik Dehmels und der Musik Schönbergs um ästhetische Neuansätze im strikten Sinne handelte. Während Dehmel als eine Zentralgestalt des literarischen Jugendstils in neue Bereiche einer Poesie vordrang, die zunehmend auch Dimensionen des Psychologischen erschloss, wuchs dem Komponisten Schönberg die Rolle zu, bislang verbindliche Traditionen der Musik grundlegend infrage zu stellen. Beide repräsentierten somit Wendepunkte in der Geschichte der Kunst, die zeitlich in etwa mit dem Ende des alten und dem Anbruch des neuen Jahrhunderts zusammenfielen.

    Zudem erwiesen sich ihre Werke nicht selten als skandalträchtig. So nahm ein Gedicht Dehmels derart Anstoß, dass er wegen der Verletzung sittlicher und religiöser Gefühle rechtskräftig verurteilt wurde. Und im Falle Schönbergs wurde durch die Wiener »Skandalkonzerte« der Jahre 1907 und 1908 mit ihren lauten Zwischenrufen und dem Einsatz von Trillerpfeifen der musikalischen Öffentlichkeit erstmals die radikale Umwertung musikalischer Prinzipien bewusst, die in seiner Musik vonstatten ging. Die Entdeckungsreisen in neue künstlerische Ausdruckswelten und die vehementen Widerstände gegen das Ungewohnte, bisweilen Verstörende sind dabei als zwei Seiten eines fundamentalen Prozesses zu begreifen: dem unaufhaltsamen Durchbrechen der Moderne.

    Obgleich er seine Berufung als Musiker beizeiten gefunden hatte, suchte der junge Schönberg nach Anregungen aus anderen Künsten. Neben der Malerei, die er selbst mit hohem handwerklichem wie künstlerischem Anspruch betrieb, war es vor allem die Literatur, die ihn wiederholt zu musikalischen Werken inspirierte. Schönbergs Frühwerk besteht nicht umsonst zu einem Großteil aus Kompositionen, die einen Zusammenhang mit lyrischen bzw. dramatischen Formen erkennen lassen. So befinden sich unter seinen ersten sechs Werken mit Opuszahl allein vier Publikationen, die Liedern gewidmet waren. Hinzu kommen zwei größere Instrumentalwerke, die auf literarischen Vorlagen basieren: die Sinfonische Dichtung »Pelleas und Melisande« nach dem Drama Maurice Maeterlincks sowie das Streichsextett »Verklärte Nacht«, das als unmittelbares Echo seiner Beschäftigung mit dem Schaffen Richard Dehmels zu verstehen ist.

    Schon bald nach ihrem Erscheinen im Jahre 1896 hatte Schönberg Dehmels vieldiskutierte Gedichtsammlung »Weib und Welt« kennen gelernt. Die besondere Atmosphäre der Dehmel’schen Lyrik – mit ihrem gesteigerten Sprachgestus und ihrer enormen expressiver Verdichtung ein typisches fin-de-siecle-Phänomen – schien Schönberg in hohem Maße angesprochen zu haben. 1899 vertonte er mehrere Gedichte Dehmels für Singstimme und Klavier, die er in seine Liedveröffentlichungen op. 2 und op. 3 aufnahm. Und noch im selben Jahr vollendete er mit der »Verklärten Nacht« ein weiteres Werk, das einer Vorlage Dehmels verpflichtet war.

    Die Gedichte von »Weib und Welt«, die Dehmel 1903 zusammen mit später entstandenen Werken in der Edition »Zwei Menschen – Roman in Romanzen« nochmals veröffentlichte, sind trotz ihrer großen stilistischen Vielfalt von einer bemerkenswert klaren, einheitlichen Disposition. Neben identischen Formprinzipien sind auch zahlreiche inhaltliche Entsprechungen zu beobachten: So initiiert Dehmel in sämtlichen Gedichten einen Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, wobei keiner der beiden namenlos bleibenden Parts im gegenseitigen Austausch ihrer Gefühlswelten den jeweils anderen dominiert. Zudem sorgt das Bekenntnis zueinander, das die Gedichte in der Regel beschließt, für eine harmonisierende Auflösung der angestauten Problemlagen. Durch seine poetisch sehr eindrucksvollen Naturschilderungen, welche die Gespräche einrahmen, erreicht Dehmel zudem eine Öffnung ins Kosmische – die Geschehnisse scheinen dadurch gleichsam allem Irdisch-Allzumenschlichen enthoben.

    Alle diese Merkmale sind in konzentrierter Form nicht zuletzt in »Verklärte Nacht« zu finden. In diesem Gedicht wird die Begegnung einer Schwangeren mit dem geliebten Mann im Ambiente eines mondbeschienenen nächtlichen Waldes beschrieben. Die Frau empfindet ihren Zustand als Sünde, da das Kind, das sie empfangen hat, einen anderen Vater hat. Der Mann an ihrer Seite ist jedoch bereit, es als sein eigenes anzunehmen und entscheidet damit das Glück der beiden Liebenden.

    Zwei Menschen gehen durch kahlen, kalten Hain;
    Der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
    Der Mond läuft über hohe Eichen,
    Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
    In das die schwarzen Zacken reichen.
    Die Stimme eines Weibes spricht:
    Ich trag ein Kind, und nit von Dir,
    Ich geh in Sünde neben Dir.
    Ich hab mich schwer an mir vergangen.
    Ich glaubte nicht mehr an ein Glück,
    Und hatte doch ein schwer Verlangen
    Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
    Und Pflicht; da hab ich mich erfrecht,
    Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
    Von einem fremden Mann umfangen,
    Und hab mich noch dafür gesegnet.
    Nun hat das Leben sich gerächt:
    Nun bin ich Dir, o Dir begegnet.
    Sie geht mit ungelenkem Schritt.
    Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
    Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
    Die Stimme eines Mannes spricht:
    Das Kind, das Du empfangen hast,
    Sei Deiner Seele keine Last,
    O sieh, wie klar das Weltall schimmert!
    Es ist ein Glanz um alles her,
    Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
    Doch eine eigne Wärme flimmert
    Von Dir in mich, von mir in Dich.
    Die wird das fremde Kind verklären,
    Du wirst es mir, von mir gebären;
    Du hast den Glanz in mich gebracht,
    Du hast mich selbst zum Kind gemacht.
    Er fasst sie um die starken Hüften.
    Ihr Atem küsst sich in den Lüften.
    Zwei Menschen gehen durch hohe, helle Nacht.

    Schönberg fühlte sich – wie andere Komponisten auch – von dieser Lyrik, die den Stimmungen der Zeit so beredten Ausdruck gab, zutiefst angesprochen. Statt jedoch für eine musikalische Umsetzung ein vokales Genre (etwa ein Klavier- oder Orchesterlied) zu wählen, entschied sich Schönberg für eine instrumentale Form. Auffällig ist zudem die bewusste Reduktion der Mittel: Während er für »Pelleas und Melisande« (1902/03) einen riesigen Aufführungsapparat verlangt, der den Orchesterbesetzungen Wagners und Strauss’ in nichts nachsteht, ist »Verklärte Nacht« lediglich für ein Streichsextett konzipiert. Zwar legte Schönberg 1917 und nochmals 1943 Orchesterfassungen dieses Werkes vor, achtete aber darauf, trotz der erweiterten Besetzungsstärke den ursprünglichen kammermusikalischen Charakter beizubehalten.

    »Verklärte Nacht« wurde in ausgesprochen kurzer Zeit entworfen und ausgearbeitet. Zusammen mit seinem musikalischen Mentor, Alexander Zemlinsky, und dessen Schwester Mathilde (die nur wenig später Schönbergs Frau werden sollte) verbrachte er den Herbst 1899 in Peyerbach am Semmering, wo ein großer Teil der Komposition »für sechs Streich-Instrumente« entstand. Bereits am 1. Dezember konnte Schönberg die Partitur beenden – es dauerte aber noch mehr als zwei Jahre, bis sie erstmals öffentlich erklang.

    Eine solch längere Pause zwischen der Fertigstellung und Aufführung eines Werkes war für Schönberg keinesfalls ungewöhnlich, musste doch häufig Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Musiker und Veranstalter zu einer Einstudierung und Darbietung zu bewegen. Zwar besaß er einflussreiche Fürsprecher – unter ihnen immerhin den Wiener Hofoperndirektor Gustav Mahler, der das kompositorische Vermögen Schönbergs erkannt hatte und den Jüngeren trotz gewisser Vorbehalte zu fördern suchte –, dennoch war es schwierig, geeignete Aufführungsmöglichkeiten zu finden.

    In erster Linie ist es dem Rosé-Quartett zu verdanken, dass Schönbergs »Verklärte Nacht« dem Publikum vorgestellt werden konnte. Dieses renommierte Ensemble unter Leitung des Konzertmeisters des Wiener Hofopernorchesters, Arnold Rosé, setzte anlässlich eines Kammerkonzerts im Kleinen Saal des Wiener Musikvereins Schönbergs Werk auf ihr Programm. Zwar stieß diese erste Aufführung vom März 1902 auf weitgehendes Unverständnis und lautstarke Missfallensbekundungen, gleichwohl wagten Rosé und seine Mitstreiter (sein Streichquartett war durch eine zweite Bratsche und ein zweites Violoncello ergänzt worden) im folgenden Jahr eine nochmalige Wiedergabe. Langsam begann sich das Werk durchzusetzen – heute dürfte es zu den meistgespielten Kompositionen Schönbergs überhaupt gehören. Sowohl in der originalen Streichsextett-Version als auch in den Einrichtungen für großes Streichorchester konnte das Werk sogar eine für Schönbergs Musik eher unübliche Popularität gewinnen.

    »Verklärte Nacht« ist das erste Instrumentalwerk, das Schönberg mit einer Opuszahl versah. Und zugleich tritt in ihm bereits ein unverwechselbarer »Schönberg-Ton« zutage. Anklänge an Vorbilder sind zwar offensichtlich (und für einen 25-jährigen Komponisten, der noch am Beginn seiner Entwicklung steht, nur allzu verständlich), individuelle Züge sind aber sowohl in der Konzeption als auch der Stilistik unverkennbar. Im Vergleich zu seinem 1897 komponierten Streichquartett in D, das sich deutlich an Brahms, z. T. auch an Dvořák orientiert zeigt, sind in der Verklärten Nacht weit weniger Einflüsse von dieser Seite spürbar.

    Im Blick auf die gewählte Besetzung konnte sich Schönberg jedoch ganz unmittelbar auf Brahms und Dvořák beziehen: Beide hatten das Streichsextett als kammermusikalische Gattung zu einer gewissen Prominenz gebracht. Dennoch hat Schönbergs musikalischer Entwurf nicht allzu viel mit dem Form- und Strukturdenken dieser Komponisten zu tun. Vielmehr stellt »Verklärte Nacht« eine Übertragung der Prinzipien der sinfonischen Dichtung in den Bereich der Kammermusik dar. Dieser Idee von Programmmusik, wie sie alternativ zur so genannten »Absoluten Musik« im 19. Jahrhundert von Berlioz, Liszt und Strauss entfaltet und verwirklicht worden war, fühlte sich auch Schönberg verbunden: Die Tatsache, dass er mehrfach literarische Sujets für seine Werke wählte, spricht für eine solche Orientierung.

    Anknüpfen konnte er hierbei nicht allein an die genannten Komponisten, sondern auch an das Musikdrama Richard Wagners, in dessen Bann die musikalische Welt der Jahrhundertwende – positiv wie negativ – stand. So arbeitete auch Schönberg mit der von Wagner zur Perfektion gebrachten Technik von Erinnerungs- bzw. Leitmotiven, um das äußere Geschehen (in diesem Fall die Situation und der Dialog in Dehmels Gedicht) möglichst plastisch in musikalische Verlaufsformen zu »übersetzen«. Die gesamte Komposition ist in diesem Sinne von kleinen und kleinsten melodischen Partikeln durchzogen, die mit den poetischen Inhalten in engem Zusammenhang stehen. Schönberg komponierte hierbei in der Tat direkt am Gedicht entlang und versuchte der Dramaturgie Dehmels hinsichtlich ihrer momentanen Stimmungslagen und atmosphärischen Wechsel genau zu folgen.

    Auf diese Weise ergibt sich eine Textur von großer Dichte. Auf engem Raum werden aus einem beschränkten Vorrat an musikalischem Material vielgestaltige Motive entwickelt, die kontrapunktisch miteinander in Beziehung gesetzt und einem beständigen Variationsprozess unterworfen werden. Die durch Veränderung und Wiederkehr immer neuen Kombinationen und Verflechtungen ergeben letztlich einen hochkomplexen Tonsatz, der als wesentliches Merkmal des frühen Schönberg anzusehen ist.

    Ebenso charakteristisch ist die kühne, an Wagners »Tristan und Isolde« gemahnende Harmonik, die nicht selten die Grenze zur Atonalität streift. In spätromantischer Tradition steht auch der intensivierte Espressivo-Ton, der überaus deutlich im Werk verankert ist. Rasch aufeinander folgende Änderungen des Tempos sowie Aufstauungen und Entladungen von Klangenergie besitzen dabei eine ähnliche Bedeutung wie die Vielzahl von dynamischen Schattierungen. Effekte, wie sie ein Spiel »con sordino« (mit Dämpfer) oder ein gleichzeitiges pizzicato und arco (gezupft und gestrichen) hervorbringen, kommen gerade bei Aufführungen mit großer Streicherbesetzung eindrucksvoll zu Geltung. Zudem konnte Schönberg in den Versionen für Orchester die Möglichkeit nutzen, Solo- und Tutti-Stimmen wirksam gegeneinander abzusetzen und einen Streichersatz zu gestalten, der mit äußerster Raffinesse unterschiedlichste Klangfarben erscheinen lässt.

    Gleichwohl ist »Verklärte Nacht« nicht nur ein Werk, in das zentrale Elemente der romantischen Ästhetik eingeflossen sind, es ist zugleich eine Komposition aus dem Geist der Moderne. Geradezu penibel ist Schönberg darauf bedacht, die Struktur des Ganzen klar zu umreißen. Durch genaue Angaben zu Artikulation und Phrasierung sowie die Unterscheidung von Haupt- und Nebenstimmen tritt er der Tendenz entgegen, das Stück lediglich als »Klangstudie« zu betrachten. Die später so vehement von Schönberg vertretene Ansicht, dass es darauf ankomme, die essentiellen musikalischen Gedanken mit größter Klarheit hervortreten zu lassen, ist somit bereits in dieser frühen Komposition ausgeprägt.

    Vor allem aber wird deutlich, dass sich Schönbergs expressive Tonsprache keinesfalls ungebunden bzw. formlos entwickelt, sondern stets die Gedichtvorlage als Bezugspunkt ernst nimmt. Fernab einer bloßen illustrativen Ausschmückung der Dehmel’schen Lyrik ging es Schönberg darum, die poetischen Bilder mit den speziellen Mitteln der Musik in eine neue Qualität künstlerischen Ausdrucks zu überführen. Die Komposition bekommt dadurch ein doppeltes Gesicht: Einerseits bleibt sie an Inhalt und Worte des Gedichts gebunden, zum anderen birgt sie aber auch in sich die Kraft zu einer ganz eigenständigen Wirkung.

    Dehmel selbst, der das Werk Ende 1912 zu hören bekam, scheint diese Absicht durchaus verstanden zu haben. In einem Schreiben an Schönberg bekennt er: »Lieber Herr Schönberg! Gestern abend hörte ich die VERKLÄRTE NACHT, und ich würde es als Unterlassungssünde empfinden, wenn ich Ihnen nicht ein Wort des Dankes für Ihr wundervolles Sextett sagte. Ich hatte mir vorgenommen, die Motive meines Textes in Ihrer Komposition zu verfolgen; aber ich vergaß das bald, so wurde ich von der Musik bezaubert.« Und wie der Dichter Richard Dehmel haben sich seither noch viele andere Hörer von der elementaren Klanggewalt des jungen Schönbergs mitreißen lassen.