Ja sagen – wozu? Nein sagen – wozu?
von Gerd Rienäcker
Vor nahezu fünfundsechzig Jahren erlebte ich, achtjährig, im Rostocker Theater ein Stück, das mich stark und nachhaltig berührte: Von einer kranken Mutter war die Rede, von ihrem Sohn, der Medizin holen wollte für sie, von einem Lehrer, der mit seinen Studenten unterwegs war. Es galt über ein gefährliches Gebirge zu gehen, weil dahinter ein Ort sei mit einem berühmten Arzt. Der Knabe, so nahm ich es wahr, bat, an dieser beschwerlichen Wanderung teil zu nehmen um der Medizin willen, die er für die kranke Mutter brauchte. Der Lehrer wies ihn auf Gefahren hin, aber der Sohn blieb bei seinem Entschluss. Unterwegs wurde er krank, und es hatten Lehrer und Studenten eine schwere Entscheidung durchzustehen: Sollten sie die Expedition fortsetzen, so mussten sie den Knaben liegen lassen, ja, nach altem Brauch in den Abgrund werfen. Oder sollten sie, um ihn zur Mutter zurück zu bringen, auf ihre Weiterreise verzichten? Dazu brauchten sie seine Entscheidung, also fragte ihn der Lehrer, ob er bereit sei, sich in den Abgrund werfen zu lassen, damit die Expedition stattfinden könne. Die Antwort des Knaben: »Ja«. Und sie warfen ihn in den Abgrund.
Dieses Geschehen nahm ich wörtlich, es erinnerte mich an Ereignisse der Passion, an Jesu Opfer für die Menschen. Weills Musik, so durchfuhr es mich, siedelte in der Nähe zu Bachs Passionen, und dies nicht nur in der Besetzung – wenige Instrumente, vor allem Streicher, zwei Klaviere und Harmonium.
Als ich die Geschehnisse und die Musik in mich aufsog, wusste ich nichts von Bert Brecht und Kurt Weill, nicht von Lehrstücken, von ihren Regulativen – nichts davon, dass das Vorgezeigte eben nicht wörtlich, sondern als Gedanken-Experiment zu nehmen sei – gleichsam als »Geschmeidigkeitsübung« für das Gehirn, möglicherweise als Vorschule für Entscheidungen vieler Arten. Und dass allen Teilnehmern, also nicht nur den Zuschauer/Zuhörern aufgetragen war, etwas zu lernen, vorab: gemeinsam zu lernen im gemeinschaftlichen Spiel, das die Trennung zwischen Zuschauern und szenisch-musikalischen Akteuren tatsächlich oder wenigstens symbolisch überwinden sollte.
Was aber war, ist Spiel, wie verhalten sich Spiel und Ernstfall zueinander – im Theater und darüber hinaus, wer nimmt daran teil und wie?
Nichts wusste ich von den einstigen Adressaten des Lehrstücks – von Berliner Schülern zu Beginn der dreißiger Jahre –, von Auseinandersetzungen, die nach er Aufführung statt fanden: Sie sollen Brecht dazu veranlasst haben, eine zweite Fassung des Lehrstücks zu schreiben – eine Fassung, darin der Knabe sein Einverständnis , sich in den Abgrund werfen zu lassen, nicht gibt, also »Nein« sagt, also die Expedition scheitern lässt.
Hatte Brecht beide Versionen gleichermaßen favorisiert: Die des Einverständnisses zum Opfer nach uraltem Brauch, die der Weigerung des Einverständnisses? Wie auch immer: Kurt Weill hat nur die erste Version vertont; für die zweite hat sich, fast ein halbes Jahrhundert später, der Komponist Reiner Bredemeyer entschieden – nach der Wende und aufgrund seines jahrzehntelangen Erlebens dazu veranlasst, hier und jetzt »Nein« zu sagen: »Nein« zu allem Vorgegebenen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, da, was war und ist, nicht so bleiben kann.
Nichts wusste ich von Brechts übergreifenden dramaturgischen Maximen – nichts über die der Verfremdung, über die des sozialen Gestus, die des radikalen Denkens in Widersprüchen, nichts über politische Implikationen des Ganzen. Vorstellungen davon waren in den späten fünfziger, in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren zu lernen: das Gelernte jedoch war mit Komplikationen behaftet, die zu entziffern der neuen, neuesten Brecht-Literatur schrittweise gelingt, da, was jegliche Entzifferung zutage bringt, neue Widersprüche, neue Komplikationen zeitigt.
Nichts wusste ich damals vom Gebrauch, oder auch Missbrauch des im Jasager Mitgeteilten: Davon, dass Parteien, Institutionen vorgaben, was zu denken und zu tun sei im Namen großer, weltbewegender Ideen, im Namen eines Fortschritts in Wissenschaft und Politik – davon, dass sie den einzelnen Menschen ans Herz legten, ihr Leben dem Allgemeinen widerspruchslos unter zu ordnen, ja, dass sie bereit sein sollten, für das Große, Allgemeine zu sterben.
Dass Brecht derlei Interpretation nahe gelegt habe, ist ihm von Anfang an vorgeworfen worden, vor allem bezogen auf ein anderes, im gleichen Jahr (1930) entstandenes Lehrstück: Die Maßnahme. Ging es, so die Verteidiger dieses Lehrstücks, wiederum nur um eine »Geschmeidigkeitsübung« für das Denken, um das Durchspielen von Entscheidungen, die man glücklicherweise nicht wirklich durch zu stehen habe?
So einfach ist es nun doch nicht, weder im »Jasager« noch in der »Maßnahme«. Hier wie dort stehen, standen Entscheidungen an, die ihr Fundament nun doch im Wirklichen haben, auch, ja, gerade dann, wenn sie nicht »eins zu eins« sich übersetzen lassen.
Was also hat es, in der »Maßnahme«, mit den Möglichkeiten und Komplikationen des Handelns in der Illegalität auf sich, wenn jede unbedachte Äußerung, jegliches Lüften der Maske Verhaftungen, oft genug den Tod nicht nur der »Enttarnten« nach sich zieht? Und was verbindet sich mit gefährlichen Wegen, mit ihrer Notwendigkeit, sei es um kranken Menschen Heilung zu bringen, sei es, um forschend ins Unwegsame sich zu begeben? Welche Rolle spielt das Leben Einzelner, aber auch: Welche Entscheidungen werden ihnen abverlangt?
Hier wie dort übersteigt, was den Menschen zugemutet wird, alles bislang Vorstellbare, Vorgestellte: Und das gilt nicht nur für den Knaben, der »Ja« oder »Nein« zu sagen hat zum Großen, Ganzen und zu seinem eigenen Leben – sondern ebenso für den Lehrer, der mit seinen Studenten unterwegs ist. Es gilt nicht nur für den »jungen Genossen«, der sich verzweifelt die Maske vom Gesicht reißt, daher als Feind des Bestehenden enttarnt, als solcher verfolgt wird mitsamt den drei Anderen – sondern für die drei Anderen, die ihn, um zu entkommen, in die Kalkgrube werfen. Sie alle tragen wie immer sie sich entscheiden, an eben diesen Entscheidungen, sie werden ihres Lebens nicht mehr froh.
Damit aber ist das Terrain jener Traditionen anvisiert, darum Brechts, auch Weills, übrigens auch Hanns Eislers Denken nicht unwesentlich kreist: Das Terrain nicht nur eherner Rituale, sondern zuvörderst der Passion, diesseits und jenseits der Lesarten der Bibel, diesseits und jenseits der Lesarten der »Matthäus-« und »Johannespassion« von Johann Sebastian Bach. Als ich, vor fünfundsechzig Jahren, derlei wahrnahm, hatte ich mich durchaus nicht verhört.
Es war und ist der Passions-Ton aber beredt für das Eigentliche: Dafür, dass von bruchloser Zustimmung zu den Geschehnissen, zu den übermenschlichen Entscheidungen der Akteure nicht die Rede sein kann! Stattdessen ist Trauer angesagt.
So lange, bis es den Menschen gelingt, dem Vorgegebenen ein entschiedenes »Nein« entgegen zu halten!
Dies nun obliegt der ungewöhnlich schroffen, nachgerade punktualisierten Musik von Reiner Bredemeyer, einer Musik, die gleichermaßen auf Traditionen sich beruft, sie aber sogleich zerlegt, mithin in Frage stellt: Im Namen der vertonten Worte, die, so sehe ich es noch heute, Bredemeyer überdeutlich skandiert, damit nichts, nichts unter den Tisch falle.