Nachruf

Peter Eötvös – 2. Jan 1944 - 24. März 2024

Die Staatsoper Unter den Linden trauert um

Peter Eötvös
(2. Januar 1944 – 24. März 2024)

Mit Peter Eötvös ist im Alter von 80 Jahren einer der prägenden Komponisten der vergangenen Jahrzehnte verstorben. Sein besonderes Interesse galt dem Musiktheater, das er durch zahlreiche gedanklich wie kompositionstechnisch anspruchsvolle und gleichzeitig zugängliche Werke bereicherte. Seinem Publikum auch komplexe musikalische Phänomene und künstlerische Ausdrucksweisen nahezubringen und zugewandt zu vermitteln, war eine seiner wesentlichen Intentionen und Fähigkeiten – als Komponist, Dirigent wie Pädagoge.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im damals ungarischen Teil Transsylvaniens geboren, zog es Peter Eötvös schon in jungen Jahren zur Musik, insbesondere zu den Komponisten der Avantgarde: Anton Webern, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, vor allem aber zu Béla Bartók, zeitlebens sein maßgebliches Vorbild. Nach Studienjahren an der Budapester Musikakademie wechselte er Mitte der 1960er Jahre nach Köln, wo er u. a. am Elektronischen Studio des WDR arbeitete und in Kontakt mit Stockhausen und seinem Kreis kam. Ende der 1970er Jahre wurde er von Boulez mit der Leitung des Ensemble Intercontemporain betraut, mit dem er mehr als 200 Uraufführungen realisierte. Darüber hinaus dirigierte Peter Eötvös renommierte Klangkörper wie die Berliner und die Wiener Philharmoniker, das Concertgebouworkest Amsterdam, das BBC Symphony Orchestra London und das NHK Symphony Orchestra Tokio. An führenden Opernhäusern wie dem Teatro alla Scala di Milano, dem Royal Opera House Covent Garden London, dem La Monnaie Brüssel und der Staatsoper Unter den Linden war er ebenso zu Gast wie bei den Festivals von Aix-en-Provence und Glyndebourne sowie den Salzburger Festspielen.

Seinen ersten großen Opernerfolg konnte Peter Eötvös mit »Tri Sestri« (Drei Schwestern) 1998 an der Opéra National Lyon feiern. 2011 kam eine Produktion dieses Werks nach dem Drama von Anton Tschechow in der Staatsoper im Schiller Theater auf die Bühne. Ein Jahrzehnt später, Ende 2021, folgte mit der Opera Ballad »Sleepless« nach einer literarischen Vorlage von Jón Fosse ein Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden und des Grand Théâtre de Genève, das große Resonanz von Publikum wie Presse erfuhr. Die Produktion, von Peter Eötvös selbst musikalisch einstudiert und dirigiert, wurde von der Zeitschrift »Opernwelt« als »Uraufführung des Jahres« ausgezeichnet und mehrfach wieder aufgenommen, jedes Mal mit viel Zuspruch. In den vergangenen Jahren ist Musik von Eötvös auch wiederholt in Sinfonie- und Kammerkonzerten der Staatskapelle Berlin erklungen, u. a. »Repond« für Viola und Orchester (Uraufführung 2022) und »Speaking Drums« für Percussion und Orchester.

Mit Peter Eötvös verliert die Kulturwelt einen Künstler, der sich in bewundernswerter Weise für die zeitgenössische Musik eingesetzt hat, mit einem ausgeprägten Sinn für differenzierte Klang- und Ausdrucksmomente sowie für musikdramatische Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit. Die Musik besaß bei ihm stets eine zutiefst menschliche Dimension – die Menschen waren gleichermaßen Ausdrucksträger wie -empfänger, die Musik ging unmittelbar von ihnen aus und war auf sie gerichtet, auf dass sie etwas in ihnen bewege. Sein mehr als 100 Werke umfassendes Œuvre (darunter mehr als ein Dutzend Opern, neben »Tri Sestri« und »Sleepless« u. a. »Angels in America«, »Love and Other Demons«, »Der goldene Drache« oder »Valuska«, sowie zahlreiche Orchester-, Ensemble- und Kammermusikwerke) gehört zu den am meisten beachteten und gespielten eines Komponisten der Gegenwart. Eigene wie fremde Werke vermochte Peter Eötvös mit dirigentischer Souveränität und kommunikativem Geschick zu durchleuchten und verständlich zu machen. Mit ihm verstummt auch ein besonders engagierter und kompetenter Vermittler der Musik.

Die Staatsoper Unter den Linden, mit der Peter Eötvös gerade in den letzten Jahren eine intensive Verbindung und vertrauensvolle Zusammenarbeit gepflegt hatte, wird ihm ihr ehrendes Andenken bewahren.

Im Namen der Staatsoper Unter den Linden

Matthias Schulz, Intendant