Vor der Kulisse eines fernen Inselparadieses schildert Georges Bizet eine durch wahre Freundschaft verkomplizierte Dreiecksgeschichte: Schon einmal drohte die Liebe zu der jungfräulich geweihten Brahmanin Leïla die langjährigen Freunde Zurga und Nadir zu entzweien. Zwar haben beide Männer einander geschworen, auf die schöne junge Frau zu verzichten, doch weder dieses Versprechen noch das Keuschheitsgelübde Leïlas kann verhindern, dass sie und Nadir bei ihrem Wiedersehen von Verlangen nacheinander übermannt werden. Als das Paar vom Oberpriester ertappt wird, soll Zurga als Anführer des Perlenfischerdorfes das Todesurteil über die beiden Meineidigen verhängen. Hin- und hergerissen zwischen Freundschaft und Eifersucht, Rachewunsch und Pflichtgefühl gerät Zurga ins Wanken – noch dazu als er erfährt, dass es Leïla war, die ihm einst als verfolgtem Flüchtling das Leben rettete…
Zwölf Jahre vor dem Welterfolg seiner »Carmen« gelang dem 25-jährigen Bizet mit seinen »Perlenfischern« der Durchbruch als Opernkomponist. Der vom seinerzeit so populären Exotismus durchströmte Stoff inspirierte ihn zu einer hinreißenden Partitur mit äußerst farbenprächtiger Instrumentierung, berückend lyrischen Melodien und dramatisch wirkungsvoller Theatermusik, die sich in großangelegten Chor-Tableaus ebenso entfaltet wie in den sehr innigen, fast schon kammerspielartigen Szenen zwischen den Protagonisten. Den dramatischen wie auch musikalischen Dreh- und Angelpunkt bildet hierbei das berühmte Perlenfischer-Duett »Au fond du temple saint« zwischen Zurga und Nadir – eine Perle der Opernliteratur, der letztlich sogar die Wiederentdeckung der auch heute noch selten gespielten Oper zu verdanken ist.

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ca. 2:30 h | inklusive 1 Pause Staatsoper Unter den Linden
Vorverkaufsbeginn am 7. Oktober 2017 10 Uhr
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Referent: Dr. Detlef Giese

Besetzung

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In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
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Vorverkaufsbeginn am 7. Oktober 2017 10 Uhr
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  • Zum letzten Mal in dieser Spielzeit
ca. 2:30 h | inklusive 1 Pause Staatsoper Unter den Linden
Vorverkaufsbeginn am 7. Oktober 2017 10 Uhr
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
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Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Referent: Dr. Detlef Giese

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1. Akt
An einem Strand im Indischen Ozean. Wie jedes Jahr beginnt zu dieser Jahreszeit das Tauchen nach den kostbaren Perlen, und die Fischer haben sich um ihren Anführer Zurga versammelt. Mit ihren Gesängen bitten sie die Götter um Schutz vor Gefahren und vor dem Unbill der Natur. Da erscheint Nadir, der die Gemeinschaft der Perlenfischer vor Jahren verlassen hat und seitdem durch die Welt gereist ist. Der Heimkehrer wird von allen freudig wieder aufgenommen, vor allem von Zurga, mit dem ihn von Jugend an eine tiefe Freundschaft verbindet. Wir erfahren, dass dieser Bund vor Jahren zu zerbrechen drohte, als sich die beiden auf ihrer letzten gemeinsamen Reise unsterblich in dieselbe unbekannte Schöne verliebt hatten. Um nicht zu Feinden zu werden, hatten sie damals beschlossen, beide für immer der Liebe zu dieser »Göttin« zu entsagen. In der Erinnerung an dieses Erlebnis bekräftigen die beiden Männer erneut ihre Verbundenheit. Nadir scheint aber zögerlich zu sein …
Kurze Zeit später: Die Gemeinschaft wartet auf die Ankunft einer Priesterin, die für das Wohl der Perlenfischer singen und beten soll, um die Götter freundlich zu stimmen und die bösen Geister zu bannen. Der Oberpriester Nourabad führt die verschleierte Frau schließlich an den Strand. Zurga nimmt der Unbekannten den Schwur ab, für die Dauer ihres Aufenthaltes abgeschieden und ohne Mann unter ihnen zu leben, um sich ganz ihrer Aufgabe zu widmen. Als Lohn erwartet sie die kostbarste Perle, der Bruch dieses Versprechens aber würde ihren Tod bedeuten. Nadir weiß schon, wer die verschleierte Priesterin ist, ihretwegen ist er hier. Und auch sie sieht ihn für einen kurzen Moment und ist zutiefst erschrocken. Zurga, der ihre plötzliche Panik bemerkt, bietet ihr an, von ihrem Gelübde doch noch Abstand zu nehmen, bevor es zu spät ist, aber sie fasst sich, lehnt ab und leistet den Schwur. Die Perlenfischer rufen den Gott Brahma an, bevor der Abend hereinbricht …
Nadir ist von Gewissensbissen geplagt. Er hätte Zurga gestehen sollen, daß er damals schon sein Versprechen gebrochen und sich heimlich mit dieser Frau getroffen hatte, mit Leïla. Seitdem ist ihre verbotene Liebe zueinander entbrannt. Und jetzt verrät Nadir seinen Freund erneut, indem er der Geliebten bis hierher gefolgt ist. Er wusste bloß nicht, dass Leïla hier eine Aufgabe hat, die es für sie beide lebensgefährlich macht, sich zu sehen. Nadir leidet an seinem Liebeskummer und versenkt sich zugleich in der Vorstellung seiner Liebe zu Leïla.
Nourabad fordert Leïla auf, ihres Amtes zu walten und hoch oben auf einem Felsen zu singen, um die Götter um Schutz für die Perlenfischer anzuflehen. Dann lässt der alte Mann sie allein. Sie weiß, dass sie nicht nur hoch zum Himmel singt, sondern auch einen heimlichen Zuhörer hat, Nadir. Sie fühlt sich von ihm beschützt und mehr denn je zu ihm hingezogen …

2. Akt
Für diese Nacht ist Leïlas Arbeit getan. Nourabad bringt sie an einen entlegenen heiligen Ort, sicher bewacht, wo sie schlafen kann. Er bestärkt sie, dass sie dort absolut ungefährdet sei. Leïla vertraut sich dem Alten an und erzählt ihm, wie sie als Kind schon einmal eine höchst gefährliche Situation erlebt hat. Unter Einsatz ihres Lebens hatte sie einem Flüchtling das Leben gerettet, der ihr zum Dank eine Perlenkette gab, die sie seitdem immer trägt. Nourabad hört ihre Geschichte, dann lässt er Leïla allein zurück.
Leïla fürchtet sich in ihrer Einsamkeit, tröstet sich aber mit dem Gedanken, dass der Geliebte irgendwo da draußen in ihrer Nähe ist. Und dann taucht Nadir tatsächlich aus dem Dunkel auf! Er hat das Unmögliche wahr gemacht und ist über die Klippen, an den Wachen vorbei, bis zu ihr vorgedrungen. Zunächst weist sie ihn erschrocken ab: Nur zu leicht könnten sie entdeckt und mit dem Tod bestraft werden. Die Liebe aber ist stärker: Wechselseitig gestehen sie sich ihre bedingungslose Zuneigung.
Ein Gewitter erhebt sich. Leïla bittet Nadir zu gehen, in der nächsten Nacht aber könne er wieder zu ihr kommen. Doch unmittelbar vor seinem Abschied werden die beiden von Nourabad überrascht, der ob Leïlas Treuebruch Zeter und Mordio ruft. Nadir flieht, wird aber von den Fischern gefangen genommen. In Gegenwart der gesamten Gemeinschaft verkündet Nourabad die notwendige Hinrichtung der beiden Liebenden. Nur so könnten die Götter befriedet werden, deren Zorn sich in dem gewaltigen Sturm offenbart, der nun über sie hereinbricht.
In letzter Sekunde tritt Zurga dazwischen: Mit all seiner Autorität verfügt er die Freilassung des Paares, um seinen Freund zu retten. Murrend fügt sich das Volk. Nur Nourabad will den Frevel nicht dulden und zieht den Schleier von Leilas Gesicht, um sie vor allen Leuten bloßzustellen. Jetzt erkennt Zurga zu seinem größten Entsetzen, dass es sich bei der Fremden um ebenjene »Göttin« handelt, um die er vor Jahren mit Nadir konkurriert hatte. Ein heiliger Zorn über den Verrat seines Freundes entbrennt in ihm, und er verurteilt Nadir und Leïla nun endgültig: Am nächsten Morgen müssen sie sterben!

3. Akt
Noch in derselben Nacht. Der Sturm hat sich gelegt. Zurga bedauert seine im Zorn und aus dem Affekt heraus getroffene Entscheidung. Seine Freundschaft zu Nadir gewinnt die Oberhand, und er ist bereit, sein Urteil zu widerrufen, als Leïla in seinem Zelt auftaucht. Sie will um Gnade für Nadir bitten und bietet ihren eigenen Tod als Opfergabe an. Da erst begreift Zurga, wie sehr die beiden einander lieben. Seine eigene über Jahre verdrängte Liebe zu Leïla flammt wieder auf, auch die Enttäuschung darüber, so lange schon der Hintergangene gewesen zu sein. Er gesteht der entsetzten Leïla seine große Liebe zu ihr und gerät dabei in eine solche glühende Eifersucht, dass er das Todesurteil für beide noch einmal bekräftigt, so sehr Leïla auch um Gnade für Nadir bittet. Ihre Verachtung für Zurga kennt nun keine Grenze mehr: Sie schreit ihm ihren Hass ins Gesicht, während Zurga sich in ohnmächtiger Raserei vor ihr windet.
Als Leïla abgeführt wird, fasst sie sich und findet ihren Stolz wieder. Sie übergibt ihre Perlenkette einem Fischer und bittet ihn, diese ihrer Mutter zu überbringen. Zurga erkennt in dieser Kette ebenjenes Dankeszeichen, dass er einst einem Mädchen gegeben hat, das ihn aus höchster Gefahr gerettet hat. Er begreift, wen er da gerade in den Tod schickt …
Im Morgengrauen soll unter Nourabads Aufsicht die Hinrichtung vollzogen werden. Die Fischer haben sich schon in eine Art Trance gesungen und können es nicht erwarten, dass die Sonne aufgeht. Die beiden Liebenden sind bereit, gemeinsam zu sterben. Da unterbricht Zurga die Zeremonie: Was alle für die Morgenröte hielten, ist in Wirklichkeit ihr Dorf, das in Flammen steht. Sie sollten rennen, um ihre Kinder und ihr Hab und Gut zu retten. In Panik läuft das Volk davon. Zurga, Leïla und Nadir bleiben allein zurück. Zurga löst die Liebenden von ihren Fesseln. Er gesteht, selbst die Hütten der Perlenfischer in Brand gesetzt zu haben. Die Freundschaft und die Macht der Liebe haben gesiegt, Leïla und Nadir fliehen. Zurga bleibt allein zurück. Er weiß, dass er das Richtige getan hat, auch wenn seine eigene Zukunft ungewiss ist.


Georges Bizet gilt, mit einigem Recht, als tragisches Genie der Operngeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit nur 36 Jahren verstarb er kurz nach der Uraufführung seines größten Erfolgs: Die Oper Carmen sollte den französischen Komponisten unvergessen machen. Bizets zwölf Jahre zuvor entstandenes Meisterwerk »Les pêcheurs de perles« hingegen ist bis heute ein selten anzutreffender Gast auf den Spielplänen der Opernhäuser. Erstaunlich genug, kam hier doch das mit Raffinesse und Einfallsreichtum gepaarte dramatische Talent des Komponisten erstmals eindrucksvoll zur Entfaltung. Ein Grund mehr für Regisseur Wim Wenders und Maestro Daniel Barenboim, diese bis heute unterschätzte »Perle« des Opernrepertoires neu zu beleuchten.
Den Ort der Geschichte bildet eine wilde Küste der im südindischen Ozean gelegenen Insel Ceylon. Hier bereiten sich Perlenfischer auf die gefährlichen Tauchgänge vor, indem sie die bösen Geister mit Tanz und Gesang zu bannen versuchen. Nach altem Brauch wählen sie Zurga zu ihrem rechtmäßigen Anführer und schwören ihm unbedingte Treue. Kurz darauf trifft ein Fremder am Strand ein. Zurga erkennt in ihm seinen Jugendfreund Nadir. Einst waren sie in dieselbe Frau verliebt, entsagten dieser Liebe aber zugunsten ihrer Freundschaft. Um das damalige Versprechen zu untermauern, erneuern Zurga und Nadir ihren Treueschwur, während die Priesterin Leïla, die zum Schutz der Fischer gerufen wurde, gelobt, ihre Keuschheit zu wahren; andernfalls wolle sie sterben. Als Nadir ihren betörenden Gesang hört, erinnert er sich an die Begegnung mit jener Unbekannten, die ihn und Zurga einst verzaubert hatte und glaubt sie in der verschleierten Leïla wiederzuerkennen. Am Abend schleicht er sich zu ihr, und es gelingt ihm, Leïla von seiner Liebe zu überzeugen. Noch bevor sie gemeinsam fliehen können, entdeckt sie der Tempelpriester Nourabad.
Vom Eidbruch der Priesterin erschüttert, fordern die Perlenfischer ihren wie auch Nadirs Tod. Zurga möchte beide verschonen, doch kaum hat Nourabad Leïla entschleiert, erkennt der Anführer seine einstige Liebe wieder und sinnt auf Rache. Kurzerhand verlangt er, dass beide wegen ihres Verrats bei Tagesanbruch sterben sollen. Als Leïla ihn um Gnade für ihren Geliebten bittet, wird seine Eifersucht aufs Neue entfacht. Nachdem das Todesurteil endgültig beschlossen ist, sieht Zurga an Leïlas Hals jene Kette, die er einst der Frau geschenkt hatte, die ihn dann vor den herannahenden Verfolgern rettete. Erschüttert von dieser Erkenntnis, will er das Schicksal Leïlas und Nadirs in letzter Sekunde abwenden und setzt das Dorf der Fischer in Flammen.
Die Geschichte der »Perlenfischer« verbindet auf originelle Art und Weise den Kampf einer archaischen Kultur um das Dasein mit einer spannungsvollen Dreiecksgeschichte um Liebe und Verrat, Treue und Entsagung. Die Gemeinschaft der Fischer basiert auf strengen Regeln und Verträgen sowie einem naiven religiösen Glauben an die Geister des Wassers, welche durch den Gesang der keuschen Jungfrau gnädig gestimmt werden sollen. In ähnlicher Weise sind die »dramatis personae« durch Verträge aneinander gekettet. An zentraler Stelle steht hierbei der erneuerte Treueschwur Zurgas und Nadirs. In »Les pecheurs de perles« sorgt das individuelle Begehren gleichsam für den Bruch des Treuebunds zwischen Zurga und Nadir auf der einen so wie zwischen Leila und Zurga auf der anderen Seite; überdies markiert er den Untergang der Fischergemeinschaft.
»Die Partitur der »Perlenfischer« macht Bizet die größte Ehre, und man wird sich genötigt sehen, ihn als Komponisten anzuerkennen.« Kein Geringerer als Hector Berlioz äußerte sich derart wohlwollend über die am 30. September 1863 am Théâtre Lyrique uraufgeführte Oper des Pariser Komponisten; insbesondere dessen Einfallsreichtum in Bezug auf die melodische Gestaltung findet sein Lob. Auch wenn Bizet bereits einige Werke für das Musiktheater (wiewohl mehr oder weniger für die Schublade) komponiert und durch Konzertstücke sowie seine glänzenden pianistischen Fähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht hatte, so handelte es sich dennoch um ein Debüt, da »Les pecheurs de perles« die erste Oper Bizets war, die an einer großen Bühne zur Aufführung gebracht wurde. Trotz der positiven Kritik Berlioz’ bezeichnete Bizets selbst seine Schöpfung als »ehrenhaften und brillanten Misserfolg«. Ein Grund hierfür lag in den größtenteils negativen Reaktionen von Seiten der zeitgenössischen Musikkritik, die sich an den zahlreichen Neuerungen der Instrumentation sowie dem experimentierfreudigen Umgang Bizets mit musikalischen Formmodellen störte. Als »zu laut« und »zu farbenreich« wurde die Oper beschrieben.
Wenig zufrieden war Bizet auch mit dem von Michel Carré und Eugene Cormon (eigentlich Pierre-Étienne Piestre) verfassten Libretto, das mit seinem exotischen Sujet und der Dreiecksgeschichte um Liebe, Eifersucht und Rache jedoch zweifelsohne dem Geschmack des Publikums und der Mode der Zeit entsprach — was wiederum Léon Carvalho bestens wusste, als er Bizet mit der Vertonung des Stoffes betraute. In der Partitur von »Les pecheurs de perles« sucht man den Exotismus Exotismus der Vorlage indes vergebens. Vielmehr konzentriert sich Bizet auf die musikdramatische Gestaltung der Szenen, indem er bemerkenswerte großdimensionierte Chor-Tableaus entwirft, welche den Einfluss Giacomo Meyerbeers und Charles Gounods bezeugen, und sie dem melodischen und farbenreichen Lyrismus des Kammerspiels gegenüberstellt. Insbesondere das Duett Zurgas und Nadirs im ersten Akt »Au fond du temple saint« gehört bis heute zu den Favoriten des Publikums und zeigt Bizets enormes Talent in Bezug auf die melodische Gestaltung und die Instrumentation. Zumal Letztere verweist an zahlreichen Stellen auf die Stilistik Richard Wagners.
Insgesamt erlebte »Les pecheurs de perles« seinerzeit 18 Aufführungen, was zwar eine beachtliche Zahl für das Werk eines jungen und völlig unbekannten Komponisten darstellte, andererseits aber dafür sorgte, dass es über viele Jahre von der Opernbühne verschwand. Erst nach dem Tode Bizets und begünstigt durch den wachsenden Ruhm von »Carmen« erfolgte 1889 eine Wiederaufnahme, bei der jedoch — wie bei darauffolgenden Neuproduktionen — der Schluss des Stückes geändert wurde, um die dramatische Wirkung zu steigern. So existierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Varianten des Stücks. Erst in den 1970er Jahren gelang es mithilfe von Originalquellen, die ursprüngliche Gestalt dieses facettenreichen Werks zu rekonstruieren.


Roman Reeger


In der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts

Georges Bizet auf dem Weg zur großen Oper

Detlef Giese

Noch nicht einmal 25 Jahre zählte Georg Friedrich Händel, als er Ende 1709 seine Oper Agrippina auf die Bühne des Teatro San Giovanni Chrisostomo in Venedig brachte, ein ambitioniertes Werk. Kaum älter war Wolfgang Amadeus Mozart, als 1781 seine groß dimensionierte Seria Idomeneo in München zur Aufführung kam, ebenfalls ein staunenswertes, bedeutsames Opus. Richard Wagner indes schrieb, als er Mitte Zwanzig ist, am Libretto und an der Musik zu seinem Rienzi, mit dem er sich bewusst in der Traditionslinie der »Grand Opéra« zu stellen suchte. Und in Frankreich selbst, in der stetig wachsenden und kulturell aufblühenden Metropole Paris, einer Stadt von rund eineinhalb Millionen Einwohnern, stellte rund ein Vierteljahrhundert später, im Sommer 1863, ein junger, hochbegabter Komponist von erst knapp 25 Jahren seine erste größere Opernpartitur fertig. Sein Name: Georges Bizet, sein Werk: Les pêcheurs de perles.

Sukzessive hatte er sich den Weg zur Oper gebahnt. Verschiedene Möglichkeiten standen dabei zur Disposition, von Bizet in Erwägung gezogen und zumindest teilweise auch mittels komponierter Werke verwirklicht. So vielfältig und ausdifferenziert wie sich die Pariser Opernszene seiner Zeit darstellte, waren auch die Ideen, die den jungen Bizet bewegten und die letztlich bis hin zur Krönung seines Lebenswerkes in Gestalt von Carmen führten.

Das Paris des »Second Empire«, des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III., zwischen 1852 und 1871 existierend, war offenbar ein guter Nährboden für die Entwicklung verschiedener Opern- bzw. Musiktheaterkonzepte. Zunächst gab es da die öffentlichkeitswirksame, auf Repräsentation im großen Stil bedachte Opéra ‒ eine Institution, die auf die Zeit des »Sonnenkönigs« Ludwig XIV. und die Tragédie lyrique Jean Baptiste Lullys zurückging und im Laufe ihrer Geschichte vielfältige Wandlungen erlebte. Im mittleren 19. Jahrhunderts stand sie im Zeichen jener klanglich wie szenisch opulenten »Grand Opéra«, wie sie vornehmlich durch Giacomo Meyerbeer geprägt worden war, dessen spektakuläre Werke regelmäßig für enormes Aufsehen sorgten. Auch Bizet kam, vermittelt durch seinen geschätzten Lehrer Jacques Fromental Halévy, mit dieser spezifisch französischen Spielart der Oper in Kontakt und wusste um deren Charakteristika. Das Opernhaus in der Rue Lepeletier, in dem in den 1860er Jahren auch solch bedeutende Werke wie Giuseppe Verdis Don Carlos und Ambroise Thomas‘ Hamlet auf die Bühne kamen, sollte sich freilich länger noch den Werken Bizets verschließen, da er bereits frühzeitig mit anderen, durchaus in Konkurrenz zur Opéra stehenden Optionen des Genres verbunden wurde.

Auf der anderen Seite gab es nämlich die Opéra-Comique, sowohl als Gattungsbegriff als auch als steingewordene Einrichtung. Auch sie verfügte über eigene Konventionen, die sich sowohl in den Anforderungen an die Librettisten und Komponisten als auch in den Erwartungshaltungen des Publikums spiegelten. War für der »Grand Opéra« ein tragisches Sujet und ein hochgestimmter Ton konstitutiv, zudem die durchkomponierte Form, dominierte in der Opéra-Comique das Leichte, Verbindliche, Unterhaltsame, in der Struktur von in sich geschlossenen musikalischen Nummern mit interpolierten Sprechdialogen (oder, anders herum betrachtet, Schaupielszenen mit musikalischen Einlagen). Auch verfügten dort die abendfüllenden Werke über allenfalls drei Akte, während die Werke an Opéra in der Regel vier- oder sogar fünfaktig gehalten waren, einschließlich der obligatorischen Balletteinlagen, was eine entsprechend große zeitliche Ausdehnung mit sich brachte. François-Adrien Boieldieu, Adolphe Adam und Daniel- François-Esprit Auber waren die Protagonisten der Opéra-Comique, die in den 1850er Jahren, in der ersten Phase des »Second Empire« durch die respektvoll-respektlose Operette eines Jacques Offenbach, der im Théâtre des Bouffes-Parisiens zahlreiche Werke auf die Bühne brachte, herausgefordert wurde. Das erste, noch relativ kleine und schlichte Musiktheaterstück Bizets, Le Docteur Miracle, sollte 1857 ebendort dem geneigten Publikum vorgestellt werden.

Jenseits von Grand Opéra und Opéra-Comique eröffnete sich aber noch ein weiterer opernästhetischer Pfad, gleichsam ein »dritter Weg«, der mit der Ära des Zweiten Kaiserreichs in ähnlicher Weise verknüpft ist wie die Operette à la Offenbach. Anfang der 1850er Jahre wurde an der Place Du Châtelet das Théâtre-Lyrique mit Opernwerken bespielt, die zwischen den beiden traditionellen Formen angesiedelt waren. Insbesondere während der beiden Phasen von 1856 bis 1860 bzw. von 1862 bis 1868, als der umtriebige, gleichermaßen geschäftstüchtige wie kunstsinnige Impresario Léon Carvalho an der Spitze dieses Theaterunternehmens stand, entfaltete das Théâtre-Lyrique eine erstaunliche Ausstrahlungskraft. Mehrere Werke von Charles Gounod kamen hier zur Aufführung, u. a. Faust, Mireille und Roméo et Juliette, die als vorbildhaft für Bizets Opernschaffen gelten können, war Gounod doch ebenso wie Halévy eine entscheidende Bezugsperson in der Entwicklung des jungen Komponisten ‒ musikalisch-stilistisch ist der Einfluss des um fast zwanzig Jahre Älteren, der die Tradition des »Drame lyrique« begründete, jedenfalls unverkennbar.

Carvalho war vor allem durch La Guzla de L’Emir, ein einaktiges Stück, das von der Opéra-Comique 1862 angenommen worden war und bereits an diesem Hause geprobt wurde, auf Bizet aufmerksam geworden. Mit untrüglichem Gespür wurde ihm das künstlerische Potential bewusst, das in dem erst 24-jährigen Komponisten offensichtlich verborgen war. Er bot ihm einen Opernstoff an, der Bizet so faszinierte, das er La Guzla de L’Emir von der Opéra-Comique zurückzog und stattdessen sich konzentriert dem attraktiven neuen Auftrag des Théâtre-Lyrique widmete, Les pêcheurs de perles.

Das »Exotische« war dabei ein Fixpunkt. Ausgehend von den Weltausstellungen, die im Paris des Zweiten Kaiserreichs regelmäßig stattfanden, wurde das Interesse an fremden Schauplätzen und Kulturen beständig angefacht. Das Publikum liebte es, auf der Theater- und Opernbühne in ferne Länder entführt zu werden, in den Orient, weiter nach Indien und China, in die Südsee oder auch nach Amerika. Die Literatur unterstützte dies, ebenso die Malerei, vor allem aber jene Artefakte, die von allen Enden der Welt, nicht zuletzt aus den Kolonien, nach Paris, in die »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« (so Walter Benjamin in seinem Passagen-Werk) gebracht wurden.

Wo genau eine Bühnenhandlung verortet wurde, war beinahe zweitrangig ‒ die Tatsache, dass Les pêcheurs de perles (zu Beginn des Entstehungsprozesses noch mit Leïla betitelt) ursprünglich in Mexiko spielen sollte und dann nach Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) an den Indischen Ozean verlagert wurde, spricht für diese gewisse Beliebigkeit. Auch in seinen folgenden Opern hat sich Bizet im Übrigen Orte abseits der urbanen Zentren Mittel- und Westeuropas gesucht: das alte Russland in Ivan IV., das ungezähmte Schottland in La jolie fille de Perth sowie Ägypten (Djamileh) und den Süden Spaniens (Carmen), keineswegs untypisch für die französische Oper der Zeit. Bizet hat sich jedoch kaum einmal dazu verleiten lassen, entsprechende Folklorismen in seine Musik einzubringen, sieht man einmal von der Verwendung bestimmter »exotischer« Skalen, die Melodik und Harmonik bestimmen, und besonderer rhythmischer Momente ab.

Das Théâtre-Lyrique mit seinem Direktor Carvalho eröffnete Bizet jedenfalls die Möglichkeit, seine kompositorischen Gaben produktiv zu entfalten. Ihm, den es primär zur Oper drängte, obwohl er auch auf den Feldern der Orchester- und Klaviermusik sowie des Liedes hinreichend talentiert war, wie seine erhaltenen Werke unter Beweis stellen, war es daran gelegen, ein buchstäblich »großes« Stück auf die Bühne zu bringen, mit dem sein Name sofort in der musikalischen Öffentlichkeit Frankreichs bekannt würde. Dementsprechend ambitioniert ging er auch an sein Vorhaben heran, durchaus unter Zeitdruck, aber mit viel Sinn für klangliche Raffinessen und dem Bemühen um Einklang der musikalischen Konstituenten Melodie, Harmonie und Rhythmus. Keines der drei Grundelemente drängt sich in den Vordergrund, auch wenn man das eingängige, fließende, an Gounod geschulte Melos häufig genug als die charakteristische Qualität von Bizets Perlenfischern gesehen hat.

Der Auftrag des Théâtre-Lyrique bot Bizet auch die Chance, ein abendfüllendes Werk mit großen Chortableaus in drei Akten zu schreiben, das ohne den Einbezug von gesprochenen Texten auskam. Ursprünglich standen noch Sprechdialoge zwischen den musikalischen Einheiten, im Laufe der Proben im August 1863 wurden sie aber durch auskomponierte Rezitative ersetzt, wohl um die intendierte Wirksamkeit des Großen und Ernsten nachhaltig zu unterstützen. Der Ausgang blieb bewusst offen ‒ ob es sich bei Les pêcheurs de perles um ein Stück mit einem tragischen Ende oder aber mit einem »lieto fine« handelt, ist im Grunde nicht zu entscheiden, sofern man die Originalfassung zum Maßstab nimmt.

Die Uraufführung selbst stand nicht unter dem glücklichsten Stern. Aufgrund einer Erkrankung der Sopranistin musste die Premiere um ca. zwei Wochen auf Ende September 1863 verschoben werden. Die Reaktionen des Publikums wie der Presse waren keineswegs freundlich, in manchen Fällen sogar regelrecht feindselig. Vieles warf man dem jungen Komponisten vor, nur Weniges wurde gelobt. Zu laut hätte das Orchester geklungen, Folge einer unausgereiften Instrumentationstechnik. Anklänge an Wagner, der in Paris keinen sonderlich guten Stand hatte ‒ die Aufführung der Neufassung des Tannhäuser an der Opéra 1861 hatte bekanntlich einen Skandal provoziert ‒, wurden Bizet ebenso negativ ausgelegt wie die angebliche Orientierung an der modernen italienischen Schule, wie sie insbesondere durch Verdi repräsentiert wurde. Und doch besitzt die Musik der Perlenfischer einen spürbar individuellen Ton, wie ihn Hector Berlioz in einer auffällig wohlwollenden Kritik im Journal des Débats Bizet attestierte. Eine hoch beachtliche Talentprobe sei diese Oper, die im Grunde ja ein Erstlingswerk für die Bühne war.

Abwechselnd mit Mozarts Figaro wurde Les pêcheurs de perles bis Ende November in Carvalhos Theater gespielt, bevor nach 18 Vorstellungen das Aus kam. Zu Bizets Lebzeiten ist diese Oper auch nicht mehr gespielt worden, im Zuge von Carmen rückte sie aber nach und nach wieder in den Fokus der Theaterverantwortlichen und Künstler. Und immerhin verschaffte diese erste Aufführungsserie des Werkes dem jungen Bizet einen weiteren Auftrag des Théâtre-Lyrique, jenen zu der großen fünfaktigen Oper Ivan IV.

Mit Les pêcheurs de perles hatte Bizet im Paris des »Second Empire«, mit dem er untrennbar verbunden ist, auch wenn Carmen erst 1875, nach dem Deutsch-Französischen Krieg und den Tagen der Pariser Commune in der Opéra-Comique erschien, seine Spuren hinterlassen, tastend zwar und nicht ohne Einsprüche, aber doch hinreichend deutlich. Artikuliert hat dies auch der eminente Opernkenner Ulrich Schreiber in seinem Opernführer für Fortgeschrittene: »Mit der Partitur der Perlenfischer […] verdient Bizet Anerkennung als Komponist für das Musiktheater« ‒ und das nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, das es ein noch nicht einmal 25-Jähriger war, der dieses Werk geschaffen hat. Auch unabhängig von den allgemein bekannten musikalischen Nummern weiß es zu faszinieren, durch seine klanglichen Farbigkeit und den Zauber der sich organisch entfaltenden Kantilenen.