Wolfgang Rihms Kammeroper widmet sich der zerrissenen und ständig vom Wahnsinn bedrohten Schriftstellerpersönlichkeit Jakob Lenz (1751-1792), dessen Schicksal in Georg Büchners 1839 erschienener Novelle literarische Bedeutung erlangte.  In seiner Auseinandersetzung mit Lenz, die sich sowohl auf Büchners Text als auch auf Briefe des Dichters bezieht, entwickelt Rihm – so die These – eine doppelte Perspektive auf Subjektivität und Wahnsinn: auf der einen Seite durch eine Auseinandersetzung mit musikalischen Traditionen, mit Zitaten und Anspielungen vor allem auf Werke Arnold Schönbergs um 1910 (zum Beispiel sein musikalisches Monodram »Erwartung«). Andererseits sucht er einer neuen, »rohen«, undisziplinierten Subjektivität Ausdruck zu verleihen etwa in seinem Umgang mit der Stimme. Das Symposium geht dieser Thematik in zwei Vorträgen und einem Roundtablegespräch nach.

 

Tickets & Details

  • Infektion! Festival für Neues Musiktheater 2017
Eintritt frei
In deutscher Sprache

Besetzung


Programm

11:00 Uhr Begrüßung
11:05 Uhr Einleitung: Prof. Camilla Bork
11:20 Uhr Vortrag »Chiffren von Verstörung«: Prof. Inge Stephan (HU Berlin)
12:00 Uhr Vortrag »Komposition des Wahnsinns«: Prof. Jan Philipp Sprick (Hochschule für Musik und Theater Rostock)
12:40 Uhr Pause
13:00 Uhr Roundtable mit Beteiligten der Produktion


»Chiffren von Verstörung«
Von Lenz über Büchner zu Rihm

Vortrag von Prof. Inge Stephan (HU Berlin)

J. M. R. Lenz hat ein dichterisches Erbe hinterlassen, von dem bis heute vielfältige Anregungen für Kunst, Literatur und Musik ausgehen. Büchners grandiose Lenz-Erzählung, posthum 1839 veröffentlicht und von Heiner Müller als »Prosa aus dem 21. Jahrhundert« bezeichnet, steht am Anfang einer Rezeptionslinie, die sich vor allem für die »dunklen« Seiten des Lebens und der Werke interessiert und sich dabei in Grenzbereiche zwischen »Genie« und »Wahnsinn« wagt. Dem Freund-Feind Goethe galt Lenz als »krankes Kind«, dem auf Erden nicht zu helfen war, der späteren Forschung als »enfant perdu«, dem es nicht gelungen sei, seine wilden Phantasien zu zügeln und sich in eine bürgerliche Existenz einzufügen. Tatsächlich geben Leben und Werk von Lenz bis in die Gegenwart Rätsel auf. Tastende Begriffe wie »Verrückung« oder »Verstörung« erweisen sich als hilfreicher als Begriffe wie »Krankheit« oder »Wahnsinn«, um den besonderen Zustand des Autors und die spezifische Qualität seines Werkes zu verstehen.

In ihrem Vortrag wird Prof. Inge Stephan an die Anmerkungen anknüpfen, die Wolfgang Rihm ein halbes Jahr nach der Komposition seiner Kammeroper »Jakob Lenz« im Januar 1979 notiert hat. Sie tragen die Überschrift »Chiffren von Verstörung« und können als Schlüssel dienen, um einen Zugang zum  »historischen« Autor wie zu der Kunstfigur zu finden, die Büchner mit seiner Erzählung geschaffen hat. Rihm führt in seiner Oper eine kongeniale Zwiesprache sowohl mit dem historischen Lenz wie mit der Büchnerschen Erzählung. Libretto und Oper eröffnen einen Raum, in dem Fragen von  Subjektivität, Fremdheitserfahrung, Kreativität und Gesellschaftskritik für unsere Gegenwart neu perspektiviert werden.


»Komposition des Wahnsinns«
Melodik und Harmonik in Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz

Vortrag von Prof. Jan Philipp Sprick (Hochschule für Musik und Theater Rostock)

Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Frage, mit welchen konkreten kompositorischen Mitteln der Komponist Wolfgang Rihm die psychischen Extremzustände seines Protagonisten komponiert. Die unorthodoxe Expressivität von Rihms Tonsprache kommt den in der Kammeroper geschilderten Extremsituationen sehr entgegen. Diese Expressivität hat ihre Materialgrundlage in einer wechselseitigen Durchdringung von Tonalität und Atonalität.

Anhang ausgewählter (Hör-)Beispiele soll detailliert diskutiert werden, wie Rihm insbesondere die musikalischen Parameter Melodik und Harmonik nutzt, um Jakob Lenz musikalisch zu portraitieren. Hinsichtlich der Melodik wird das Verhältnis von Melodiebildung und Sprachähnlichkeit näher untersucht, während es bei der Harmonik insbesondere um die Frage geht, wie die stellenweise auftretenden tonalen Passagen in die Partitur integriert werden. Ergänzt werden diese Überlegungen mit Rückblenden auf die Fieberfantasien im 3. Akt von Richard Wagners »Tristan und Isolde« und die Vertonung der Titelpartie – ebenfalls eine Bariton-Rolle – in Alban Bergs »Wozzeck«.