„Eine tiefe Wahrheit“ Simon Rattle dirigiert Das schlaue Füchslein

Magazin Nr. 3 - 2025/26

Leoš Janáčeks Das schlaue Füchslein ist eine Oper, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Die Sphären von Tier- und Menschenwelt vielschichtig ineinander spiegelnd ist sie Märchen und Naturidyll zugleich, Gesellschaftssatire und philosophische Meditation über Vergänglichkeit und Neubeginn. Simon Rattle steht am Pult der von Ted Huffman inszenierten Neuproduktion, in der Vera-Lotte Boecker und Magdalena Kožená als verliebtes Fuchspaar ihre Rollendebüts feiern.

Nichts Geringeres als den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen brachte Leoš Janáček 1924 in seiner Oper vom Schlauen Füchslein auf die Bühne. Inspiriert von einer illustrierten Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung „Lidové noviny”, erzählt der tschechische Komponist darin den wechselvollen Lebensweg der Füchsin Schlaukopf. Als junges Füchslein vom Förster gefangen, erweist sie sich als wenig „haustiertauglich“ und flieht nach einem Massaker im Hühnerstall zurück in den Wald. Dort besetzt sie die komfortable Wohnung des Dachses, gründet mit dem Fuchs eine Familie und wird schließlich vom Wilderer erschossen. Förster, Pfarrer und Schulmeister blicken dabei sehnsüchtig auf die unzähmbare Natur, die ihren eigenen Gesetzen von Leben, Lieben und Sterben folgt. Eine Oper als poetische Parabel über das Menschliche im Tier – und das Tierische im Menschen.

Mit der Neuproduktion des Schlauen Füchslein in der Regie des amerikanischen Regisseurs Ted Huffman beschließt die Staatsoper ihren über viele Jahre hinweg aufgebauten Janáček-Zyklus, der 2011 mit Aus einem Totenhaus seinen Anfang nahm. Von seinen großen „Frauen-Opern“ Katja KabanowaJenůfa und Die Sache Makropulos bis hin zu den selten aufgeführten Ausflügen des Herrn Brouček in der vergangenen Spielzeit zeigte die Staatsoper seitdem die bedeutendsten musikdramatischen Werke des Komponisten immer unter der ebenso versierten wie leidenschaftlichen musikalischen Leitung von Janáček-Kenner Simon Rattle.

„Lange habe ich nicht mehr so eine Freude beim Einstudieren einer Partie empfunden.
Ich finde die Oper einfach brillant, vom ersten bis zum letzten Takt!“

Vera-Lotte Boecker

Auch bei der Neuinszenierung des Schlauen Füchsleins – das damit zum ersten Mal überhaupt am Haus gespielt wird – steht Rattle wieder im Graben: „Es war eine der großartigsten Erfahrungen für mich in den letzten 15 Jahren an diesem Opernhaus und mit diesem außergewöhnlichen Orchester und Chor all diese Janáček-Opern auf die Bühne zu bringen. Und es ist für mich wirklich besonders, diesen Zyklus nun ausgerechnet mit dem Schlauen Füchslein zu beenden. Denn diese Oper begleitet mich gefühlt schon mein ganzes Leben.“ Schon als 17-jähriger Student spielte Simon Rattle bei einer Produktion von Janáčeks Schlauem Füchslein an der Royal Academy of Music die ätherische Celesta und dirigierte den Chor. „In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich Operndirigent werden möchte. Natürlich wusste ich damals noch nicht, wie schnell sich das verwirklichen würde“, erzählt Rattle. „Aber mit 21 Jahren dirigierte ich Das schlaue Füchslein beim Glyndebourne Festival und 1990 debütierte ich mit diesem Stück in London am Royal Opera House. Mein sechsjähriger Sohn, heute ist er Klarinettist, war damals das jüngste Füchslein. Damals fuhren wir beide gemeinsam Hand in Hand mit der U-Bahn zur Arbeit. Und schließlich habe ich mit Magdalena Kožená eine Frau geheiratet, die ganz in der Nähe des Waldes bei Brno geboren wurde, wo die Illustrationen entstanden sind, die dem Schlauen Füchslein zugrunde liegen.“

Als Fuchs steht die Mezzosopranistin Magdalena Kožená an der Staatsoper erstmals auf der Bühne. Und doch kehrt sie mit dieser Partie auch zu ihren eigenen Wurzeln zurück: „In meiner Heimatstadt Brno gibt es einen ganz besonderen ,Janáček-Geist‘. Schon während meines Klavierstudiums am von Janáček gegründeten Konservatorium habe ich seine Musik gespielt. Mein Lehrer wurde noch von einem seiner Schüler unterrichtet. Regelmäßig findet in Brno ein Janáček-Festival statt, und sobald ich dort die ersten fünf Takte seiner Sinfonietta höre, fange ich an zu weinen, so sehr liebe ich diese Musik und so sehr erinnert sie mich an meine Kindheit.“ Wie eng Das schlaue Füchslein mit der Landschaft rund um Brno verbunden ist, weiß Magdalena Kožená aus eigener Erfahrung: „Die Stadt ist umgeben von einer wundervollen Natur. Nur zehn Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt liegt ein Wäldchen, das nach dem Schlauen Füchslein benannt ist, mit einem kleinen Forsthaus. Die Bildergeschichte, auf der die Oper basiert, beruht auf dem Leben der Menschen und Tiere genau dieser Gegend. Insofern fühle ich mich dieser Oper in vielerlei Hinsicht sehr verbunden!“

- Szenen aus dem Probenbetrieb

Für die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, die an der Staatsoper zuletzt als Daphne in Richard Strauss’ gleichnamiger Oper zu erleben war und nun in der Titelpartie des Schlauen Füchsleins ihr Rollendebüt gibt, ist Janáčeks Oper hingegen Neuland: „Bislang kannte ich Janáček nicht gut, habe mal Jenůfa oder Katja Kabanowa als Zuschauerin gesehen. Aber jetzt bin ich Janáček-Fan! Lange habe ich nicht mehr so eine Freude beim Einstudieren einer Partie empfunden. Ich finde die Oper einfach brillant, vom ersten bis zum letzten Takt! Die Orchestrierung ist berückend schön und vielfältig, das Changieren der Harmonien, die rhythmische Präzision – und dabei gibt es Melodien, die einem regelrecht die Schuhe ausziehen, weil sie so schön sind.“ Auch für Magdalena Kožená hat die musikalische Sprache Janáčeks eine besondere Qualität: „Janáčeks Musik trägt für mich etwas Urtümliches und Wildes in sich, er folgte keinen vorgegebenen Regeln, seine Musik kam wirklich aus ihm selbst heraus. Sein Musikverständnis wurzelt stark in der tschechischen Sprache, die Intonation, die Akzente, die Sprachmelodie spiegeln sich in seinen musikalischen Motiven wider. Für das Schlaue Füchslein hat er sogar verschiedene Tierlaute notiert.“

Die tschechische Sprache musste sich Vera-Lotte Boecker für ihre Partie erst von Grund auf aneignen – eine Herausforderung, wie die Sopranistin zugibt: „Tschechisch ist eine faszinierende, wunderbar melodische Sprache, gerade in Janáčeks Musik. Der Sprachrhythmus ist extrem präzise und jede Silbe trägt Bedeutung. Am Anfang war ich irritiert davon, dass der Sprachrhythmus dem komponierten Rhythmus nicht immer entspricht, aber es ergibt sich genau aus diesen leichten Verschiebungen, die der komponierte Rhythmus durch die Sprache erfährt, eine weitere, sehr raffinierte musikalische Ebene. Das zu erfassen war aber ein längerer Prozess. Am Anfang dachte ich, ich würde diese Laute nie formen können, doch nach ein paar Wochen schien es mir das Natürlichste von der Welt zu sein. So ging es mir auch mit der Musik, am Anfang war sie mir fremd und jetzt singe ich sie tagsüber beim Duschen wie einen Popsong. Gerade so eine Entwicklung macht mir als Sängerin die größte Freude, es ist eine kleine Eroberung von einem Stück mir unbekannter Welt.“

„Das schlaue Füchslein besitzt so viel Poesie und unterschiedliche Schichten, eine Naivität, Verletzlichkeit und Fragilität, die mich tief berührt.“

Magdalena Kožená

Boeckers Interpretation des Füchsleins vermeidet bewusst jede Niedlichkeit: „Mich reizt an Schlaukopf ihre radikale Freiheit. Sie folgt ihren Instinkten, stellt Regeln infrage und lebt kompromisslos nach ihrem inneren Kompass. Ich empfinde sie als sehr klare, selbstbestimmte Figur.“ Das Animalische des Charakters versteht Boecker dabei nicht als bloße äußerliche Imitation, sondern vor allem als innere Haltung: „Wachheit, Direktheit, Reaktionsschnelligkeit, Lebendigkeit. Die Trennung zwischen Tier und Mensch wird in der Oper ja häufig lustvoll und witzig gebrochen, wobei die scheinbare Überlegenheit des Menschen unterlaufen wird.“

In der Tat kondensiert sich im Schlauen Füchslein, das Janáček – zum Zeitpunkt der Uraufführung immerhin schon siebzig Jahre alt – nach eigener Aussage „für den Wald und die Trauer meiner späten Jahre“ komponierte, eine Lebensphilosophie des Tier wie Mensch umfassenden Ganzen. Vera-Lotte Boecker, die selbst Philosophie studiert hat und im Yoga eine spirituelle Weltsicht kennengelernt hat, sieht in dieser allumfassenden Verwobenheit von Werden und Vergehen den Kern der Oper: „Es gibt im buddhistischen den Ausdruck der ,Impermanenz‘, damit ist die grundlegende Unbeständigkeit von allem gemeint. Alles ist vergänglich, es ist einfach die Natur aller Dinge, uns selbst eingeschlossen. Das nicht als Mangel zu verstehen, sondern in tiefer Akzeptanz mit diesem Prinzip zu leben – das versuche ich zumindest. Und darin liegt genau genommen vielleicht auch der größte Trost, den wir finden können. Dass die Vergänglichkeit an sich nicht das Ende des Lebens ist, sondern seine Bedingung. Das Füchslein stirbt, herrlich undramatisch, und das Leben verwandelt sich und geht weiter. Wir waren vielleicht noch nie in einem Wald, wie Janáček ihn noch erlebt haben mag, aber wie nah gerade im Wald das Leben und Sterben beieinanderliegen, kann man sich gut vorstellen. Jeder tote Baum bietet die Nahrung für neues Leben, alles ist miteinander verzahnt – im buddhistischen würde man dazu ,Interdependenz‘ sagen, nichts ist aus sich selbst heraus, alles ist zutiefst voneinander abhängig. Alles ist in Beziehung miteinander. Und genau das gilt auch für Mensch und Tier, Mensch und Welt. Wir sind nicht isoliert, wir sind zutiefst verbunden, ob wir das nun spüren oder nicht.“

Das schlaue Füchslein besitzt so viel Poesie und unterschiedliche Schichten“, ergänzt Magdalena Kožená, „eine Naivität, Verletzlichkeit und Fragilität, die mich tief berührt. Gerade die Tierwelt entfaltet in ihrer Eingebundenheit in den Kreislauf des Lebens eine ungeheure Direktheit. Vielleicht sollten auch wir Menschen etwas mehr im Moment leben.“ In all seiner Vielschichtigkeit zu entdecken ist Das schlaue Füchslein ab dem 28. Februar an der Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Simon Rattle, der auch nach einem halben Jahrhundert von der Musik und Magie des Stücks gleichermaßen berührt wird: „Für mich ist das Schlaue Füchslein noch immer das wunderbarste Stück und selbst nach den fast 50 Jahren, in denen ich es dirigiert habe, weine ich jedes Mal am Ende – weil es eine tiefe Wahrheit erzählt!“

von Elisabeth Kühne

Magazin Nr. 3

Februar

  • Premiere

Das schlaue Füchslein

Leoš Janáček
Dauer: ca. 1:40 h ohne Pause

Besetzung

März

Das schlaue Füchslein

Leoš Janáček
Dauer: ca. 1:40 h ohne Pause

Besetzung

Das schlaue Füchslein

Leoš Janáček
Dauer: ca. 1:40 h ohne Pause

Besetzung

Das schlaue Füchslein

Leoš Janáček
Dauer: ca. 1:40 h ohne Pause

Besetzung

  • Familienvorstellung,
  • Zum letzten Mal in dieser Spielzeit

Das schlaue Füchslein

Leoš Janáček
Dauer: ca. 1:40 h ohne Pause

Besetzung

Aus dem Magazin der Staatsoper Unter den Linden - Nr. 3.

Am 21. Februar 2026 erscheint die neue Ausgabe des Magazins der Staatsoper mit spannenden Einblicken und Interviews zu den Festtagen 2026, den Werken von Richard Strauss, der nächsten Premiere von Janáčeks Das schlaue Füchslein und der Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Entführung aus dem Serail.