Wer die Inszenierungen von Andrea Moses kennt, weiß auch, dass in ihren Arbeiten „die Handlungszeit immer die Gegenwart ist“. Das war schon in der Aufführung von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg so, die sie als Regisseurin 2015 an der Berliner Staatsoper (damals noch in ihrem Interimsquartier Schiller Theater) in Szene setzte, mit der Riege der ehrbaren Handwerksmeister als Inhabern florierender Firmen, welche abseits der „heil’gen deutschen Kunst“ auch die „heil’ge deutsche Wirtschaft“ (wie Konstantin Richter kürzlich in seinem Buch Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG im Blick auf diese Inszenierung festgestellt hat) repräsentieren.
Bei Mozarts Entführung, zumal in der besonderen Konstellation mit Bülent Ceylan als Moderator und Schauspieler zugleich, stellen sich andere Herausforderungen für die Regisseurin: Zur Sache gehört, dass die beiden Protagonisten des Ganzen, Ceylan und Mozart, wechselseitig aufeinander reagieren werden, der Eine durch seine Worte und sein Spiel, der Andere durch das vertonte Libretto mit einer Musik von eigener Wirkungskraft. Und wenn die Regie hinter dieser Anordnung gleichsam verschwinden würde, wäre das keineswegs ein schlechtes Zeichen.
An vielen Stellen wirkt der Originaltext der Oper geradezu so, als ob man „in einen Zoo hineinschaut“, so Andrea Moses. In vielerlei Hinsicht erscheint er uns fremd, unpassend, einfach aus der Zeit gefallen, von den laufenden Debatten überholt, in jedem Falle kommentierungsbedürftig. Bülent Ceylan wird hier ganz in seinem Element sein, wenn er mit dem Handwerk eines Comedian einen neuen Ansatz und ein neues Verständnis für das Werk einbringen wird. Eigenes Erleben und eigene biographische Momente werden mit einfließen und sich untrennbar mit der Figur des Bassa Selim, der am Ende großherzig Verzeihung statt Rache übt, verbinden. Regisseurin Andrea Moses entwickelt dabei mit ihrem Dramaturgen Michael Höppner neue Texte, immer in enger Abstimmung mit Bülent Ceylan und ganz auf ihn und seine spezielle Sprache und Präsenz zugeschnitten. Es ist ein Experiment, das hier auf die Opernbühne kommt, im Haus Unter den Linden.
Und Bülent Ceylan selbst? Fast durchgängig wird er auf der Szene sein und auch Stilmittel einsetzen, wie sie auch in seinen großen Bühnenprogrammen zu finden sind. „Tiefe, Aktualität und Unterhaltung“ – auf diese Begriffe setzt die Inszenierung aus seiner Sicht. Er wird dem Publikum immer wieder einen Spiegel vorhalten, mit Witz und Humor, zugleich auch mit Haltung und Ernsthaftigkeit, als ein „Fremder in der Fremde“, der sich zum ersten Mal überhaupt spielend und spielerisch in die Welt der Oper hineinwagt und hoffentlich auch Menschen anziehen wird, die ihrerseits noch nie (oder eher selten) mit dieser Kunstform in Berührung waren. Mozarts Entführung aus dem Serail, eine Oper mit Comedian, wird zum Abenteuer für alle Beteiligten – und gewiss auch für das Publikum.
von Detlef Giese
Magazin Nr. 3