Trotz der großen Besetzung liegt im Rosenkavalier ja viel Mozartisches. Bekanntlich ist das Werk stark von Mozarts Figaro inspiriert worden, von dessen Personen, Konstellationen, auch von den Stimmcharakteren und der Leichtigkeit, von der Sie gesprochen haben. Die Verbindung von Singen und Sprechen, das berühmte „Parlando“ zeigt sich ja eigentlich zum ersten Mal so wirklich ausgebildet im Rosenkavalier, oder?
In der Tat finden wir beim Rosenkavalier schon sehr viel von diesem Parlando, aber es gibt eben auch das Ariose, das großen Raum einnimmt. Das Parlando-Komponieren hat Strauss später immer weiter verfeinert, denken Sie etwa an Arabella, an die groteske Szene mit der Kartenaufschlägerin, oder eben an Die schweigsame Frau. Strauss hatte schon ein Gefühl für drastische Komik. Und ohnehin besaß er ein reiches Innenleben. Seine Frau Pauline mit ihrer speziellen Art war ihm offenbar sehr wichtig. Einmal hat sie sogar die Wiener Philharmoniker weggeschickt, als sie Strauss zum Geburtstag ein Ständchen gespielt haben. Sie hat einfach zu ihnen gesagt: So, meine Herren, Sie müssen jetzt gehen! Richard muss sich hinlegen und ausruhen! Und die Musiker haben es ihr nicht einmal übelgenommen. Wahrscheinlich war Pauline genau die Richtige für Strauss. Auf sein Komponieren hat sich das ganz sicher ausgewirkt, diese Art von „normalem“, bodenständigem Humor.
Pauline war ja auch die Anregerin von vielen Liedern, vor allem bedingt durch ihre Tätigkeit als Sängerin. Viele Stücke hat Strauss eigens für sie komponiert, im Grunde ist aber sein ganzes Liedschaffen ohne ihren Einfluss nicht denkbar.
Ja, ich habe diese Lieder immer wahnsinnig gemocht, weil sie so unglaublich vielfältig sind, von der kleinsten Regung bis zur großen Geste. Schon in den Klavierfassungen besitzen sie viele Farben, was herausfordernd für den Pianisten ist. Und die Orchesterlieder sind noch einmal eine Welt für sich. Hinsichtlich ihrer Besetzungen reichen sie vom Streichquartett mit Flöte bis zum Heldenleben-Orchester, ein großer Bilderbogen. Und da brauchen Sie natürlich auch verschiedene Stimmen. Schon ein paar Mal habe ich damit begonnen, eine Gesamtaufführung der Straussʼschen Orchesterlieder zu verwirklichen. In München konnten wir das aus besetzungstechnischen Gründen nicht zu Ende bringen. In Dresden hatten wir alles geplant, dann kam Corona. Jetzt aber nehmen wir den dritten Anlauf, und jetzt muss es einfach klappen. Ein erstes Stück des Weges sind wir schon gegangen.
Wir haben den Auftakt gemacht mit Erin Morley, die für die „leichteren“, tendenziell hell timbrierte Sopranlieder eine perfekte Wahl war. Jetzt, zum anstehenden Symphoniekonzert im April 2026, kommt Julia Kleiter – im Übrigen auch unsere Marschallin im Rosenkavalier –, ebenso Konstantin Krimmel, also Sopran plus Bariton. Von den insgesamt 42 Orchesterliedern von Strauss, die innerhalb der nächsten Jahre zur Aufführung gelangen sollen, sind dann immerhin schon mehr als ein Dutzend erklungen.
Die akustischen Gegebenheiten sind gerade bei den Liedern sehr genau zu beachten. Im Zuschauersaal wird immer jemand sagen: Das Orchester ist zu laut, auch wenn nur ein gutes Mezzoforte gespielt wird. Man darf nicht vergessen, dass vor 100 oder mehr Jahren, wo die meisten dieser Lieder komponiert wurden, die Orchester wahrscheinlich halb so laut wie heute waren, die Blechbläser etwa, aber auch die Streicher mit ihren Darmsaiten. Man muss die Stärke und die Transparenz des Klanges daher immer gut im Blick behalten und entsprechend regeln. Wir wählen auch die Stimmen so aus, dass sie zu den Liedern passen, die ganz unterschiedliche Anforderungen stellen. Bei den Liedern brauchen die Sängerinnen und Sänger eine feine Gestaltungskunst. Zusammen mit dem Orchester ist es dann oft eine kammermusikalische Angelegenheit.