- Premiere
Die Entführung aus dem Serail
Besetzung
- Musikalische Leitung:
- Inszenierung:
- Konstanze:
- Blonde:
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- Pedrillo:
- Osmin:
Andrea Moses inszeniert Mozarts Die Entführung aus dem Serail
Die Staatsoper Unter den Linden schließt eine Lücke ihres Mozart-Repertoires. Nach Jahren der Abwesenheit kommt Die Entführung aus dem Serail, Mozarts erste für seine Wahlheimat Wien komponierte Oper, auf die Bühne Unter den Linden, in Szene gesetzt von Andrea Moses, die vor zehn Jahren Regie bei Wagners Meistersingern führte, und mit Bülent Ceylan als Bassa Selim – und als er selbst!
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„Die Inszenierung setzt auf Tiefe, Aktualität und Unterhaltung.“
Bülent Ceylan
Ein einziges Mal nur war Wolfgang Amadeus – der sich selbst Amadé nannte – Mozart in Berlin: Im Mai 1789 besuchte er inkognito eine Aufführung des Singspiels Belmont und Constanze oder Die Entführung aus dem Serail. Ort des Geschehens war das Nationaltheater am Gendarmenmarkt, wo Mozarts sieben Jahre zuvor in Wien uraufgeführtes Werk auf der Bühne zu sehen und zu hören war. Der Komponist, der sich zunächst unscheinbar im Hintergrund verborgen, dann sich aber zu erkennen gegeben hatte, wurde gefeiert, vom Publikum wie von den Mitwirkenden. Für den folgenden Abend wurde er eingeladen, die Oper selbst zu dirigieren, in Anwesenheit von König Friedrich Wilhelm II. Ebenso fällt eine Audienz beim Monarchen inklusive gemeinsamen Musizierens in die wenigen Tage von Mozarts Berlin-Aufenthalt. Es hätte sich durchaus etwas daraus entwickeln können, womöglich eine Anstellung als Hofkomponist oder -kapellmeister – zumindest der Gedanke, dass nach Salzburg und Wien womöglich Berlin zu einem weiteren Zentrum seines Lebens und Schaffens geworden wäre, ist sicher reizvoll. Allein, die Geschichte ist anders verlaufen – Die Entführung aus dem Serail blieb das einzige Bühnenwerk, das Mozart in der preußischen Kapitale mit eigenen Ohren und Augen erlebt hat.
Knapp 240 Jahre nach diesen Ereignissen kommt Mozarts zu Lebzeiten überaus erfolgreiche, im 19. und 20. Jahrhundert oft genug ein wenig im Schatten seiner Zauberflöte, seines Don Giovanni oder seines Figaro stehende Oper in die Mitte Berlins zurück, an die Staatsoper Unter den Linden, wo sie – erstaunlicherweise erst – seit 1897 in bislang einem runden Dutzend verschiedener Inszenierungen gespielt worden ist, musikalisch geleitet u. a. von Dirigenten wie Richard Strauss, Erich Kleiber, Johannes Schüler oder Philippe Jordan, die alle eng mit der Staatsoper verbunden waren und sind. Thomas Guggeis, Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt und Dirigent der anstehenden Produktion, reiht sich hier würdig ein, als ein nicht nur musikalisch, sondern auch genuin szenisch denkender Akteur innerhalb des Ganzen.
Nun ist eine Aufführung dieses recht bekannten, sogar populären Werks, das zum erweiterten Standardrepertoire der internationalen Opernhäuser zählt, per se nichts Außergewöhnliches. Hinsichtlich seiner Dimensionen ist es überschaubar, rein aufführungspraktisch im Grunde gut beherrschbar, auch wenn die fünf Gesangspartien anspruchsvoll genug und mit einem guten Gespür für die stimmlichen wie gestalterischen Qualitäten der Sängerinnen und Sänger zu besetzen sind.
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„Mozarts Entführung ein hochaktuelles Werk, das nicht zuletzt auch politisch gelesen werden kann, ja geradezu gelesen werden muss.“
Andrea Moses
Und doch ist die neue Entführung, die Ende Juni auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden kommt, ein sehr besonderes Vorhaben. Wesentlich hat das mit dem Engagement von Bülent Ceylan zu tun, bundesweit prominenter Comedian aus Mannheim, seit geraumer Zeit schon vor großem Publikum unterwegs und jetzt erstmals in einem Opernhaus zu erleben. Eine ungewöhnliche Wahl, wird doch die Sprechrolle des Bassa Selim, die in Mozarts Entführung viel Raum einnimmt, für gewöhnlich mit einem Schauspieler besetzt. Wir haben mit der Regisseurin Andrea Moses gesprochen, in welcher Weise Bülent Ceylan in das Bühnengeschehen einbezogen wird und welche Chancen sich daraus ergeben.
Worin also liegt die Intention? Zunächst einmal eröffnet die Personalie Bülent Ceylan die Möglichkeit, zwei Ebenen miteinander zu verbinden – sowohl wird er Darsteller einer Figur sein als auch Kommentator der Handlung. Als gelernter und praktizierender Comedian beginnt er – klar und deutlich als er selbst, Bülent Ceylan, erkennbar – wie in einer seiner Bühnenshows zu moderieren, um sich dann step by step in den Bassa Selim der Entführung zu verwandeln. Die Welten beider Figuren werden aufeinander bezogen und miteinander verschränkt, ebenso die mitunter etwas fremd gewordene Vergangenheit der Opernfabel mit den Zuständen unserer Gegenwart. Die Welt, in der wir uns befinden, ist beständig mitzudenken, so Andrea Moses – die internationalen Konflikte wie das Aufeinanderprallen unterschiedlicher, kaum miteinander zu vereinbarender kultureller Anschauungen und Handlungsweisen. Auch Mozart hat dies getan, als er im ausgehenden 18. Jahrhundert seine Entführung komponiert hat, in einer Zeit, als die Erinnerung an die Türkenkriege in Wien noch sehr präsent war und die nächsten Auseinandersetzungen quasi vor der Tür standen. Ein Spiel mit Stereotypen und Vorurteilen findet statt, ernst wie humoristisch, aus immer wieder wechselnden Perspektiven heraus – und das durchaus mit einem aufklärerischen Impuls. Wer bewertet wen in dieser Welt und wie? Diese Frage hat sich Andrea Moses angesichts von Mozarts Werk gestellt, das zwar in seiner Zeit verortet ist, aber doch über sie hinausweist. Im Grunde könne man, so ihre Überzeugung, die Oper nicht isoliert vom gegenwärtigen Geschehen betrachten, inmitten einer Weltlage, die sich in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen spürbar zugespitzt hat. Im Blick darauf ist die Entführung ein hochaktuelles Werk, das nicht zuletzt auch politisch gelesen werden kann, ja geradezu muss.
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Wer die Inszenierungen von Andrea Moses kennt, weiß auch, dass in ihren Arbeiten „die Handlungszeit immer die Gegenwart ist“. Das war schon in der Aufführung von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg so, die sie als Regisseurin 2015 an der Berliner Staatsoper (damals noch in ihrem Interimsquartier Schiller Theater) in Szene setzte, mit der Riege der ehrbaren Handwerksmeister als Inhabern florierender Firmen, welche abseits der „heil’gen deutschen Kunst“ auch die „heil’ge deutsche Wirtschaft“ (wie Konstantin Richter kürzlich in seinem Buch Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG im Blick auf diese Inszenierung festgestellt hat) repräsentieren.
Bei Mozarts Entführung, zumal in der besonderen Konstellation mit Bülent Ceylan als Moderator und Schauspieler zugleich, stellen sich andere Herausforderungen für die Regisseurin: Zur Sache gehört, dass die beiden Protagonisten des Ganzen, Ceylan und Mozart, wechselseitig aufeinander reagieren werden, der Eine durch seine Worte und sein Spiel, der Andere durch das vertonte Libretto mit einer Musik von eigener Wirkungskraft. Und wenn die Regie hinter dieser Anordnung gleichsam verschwinden würde, wäre das keineswegs ein schlechtes Zeichen.
An vielen Stellen wirkt der Originaltext der Oper geradezu so, als ob man „in einen Zoo hineinschaut“, so Andrea Moses. In vielerlei Hinsicht erscheint er uns fremd, unpassend, einfach aus der Zeit gefallen, von den laufenden Debatten überholt, in jedem Falle kommentierungsbedürftig. Bülent Ceylan wird hier ganz in seinem Element sein, wenn er mit dem Handwerk eines Comedian einen neuen Ansatz und ein neues Verständnis für das Werk einbringen wird. Eigenes Erleben und eigene biographische Momente werden mit einfließen und sich untrennbar mit der Figur des Bassa Selim, der am Ende großherzig Verzeihung statt Rache übt, verbinden. Regisseurin Andrea Moses entwickelt dabei mit ihrem Dramaturgen Michael Höppner neue Texte, immer in enger Abstimmung mit Bülent Ceylan und ganz auf ihn und seine spezielle Sprache und Präsenz zugeschnitten. Es ist ein Experiment, das hier auf die Opernbühne kommt, im Haus Unter den Linden.
Und Bülent Ceylan selbst? Fast durchgängig wird er auf der Szene sein und auch Stilmittel einsetzen, wie sie auch in seinen großen Bühnenprogrammen zu finden sind. „Tiefe, Aktualität und Unterhaltung“ – auf diese Begriffe setzt die Inszenierung aus seiner Sicht. Er wird dem Publikum immer wieder einen Spiegel vorhalten, mit Witz und Humor, zugleich auch mit Haltung und Ernsthaftigkeit, als ein „Fremder in der Fremde“, der sich zum ersten Mal überhaupt spielend und spielerisch in die Welt der Oper hineinwagt und hoffentlich auch Menschen anziehen wird, die ihrerseits noch nie (oder eher selten) mit dieser Kunstform in Berührung waren. Mozarts Entführung aus dem Serail, eine Oper mit Comedian, wird zum Abenteuer für alle Beteiligten – und gewiss auch für das Publikum.
von Detlef Giese
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Aus dem Magazin der Staatsoper Unter den Linden - Nr. 3.
Am 21. Februar 2026 erscheint die neue Ausgabe des Magazins der Staatsoper mit spannenden Einblicken und Interviews zu den Festtagen 2026, den Werken von Richard Strauss, der nächsten Premiere von Janáčeks Das schlaue Füchslein und der Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Entführung aus dem Serail.