Nymphe und Sternbild: La Calisto singt und strahlt

Ein wahres Meisterwerk der venezianischen Barockoper ist Francesco Cavalli, dem Schüler und Nach-Nachfolger Claudio Monteverdis an der Basilika San Marco, 1651 mit La Calisto gelungen. Die Geschichte der schönen Nymphe, deren Schicksal von den Göttinnen und Göttern Diana, Juno und Jupiter freud- wie leidvoll bestimmt wird, kommt nun auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden. Christina Pluhar, seit vielen Jahren mit ihrem Originalklang-Ensemble L’Arpeggiata auf dem Feld der „Alten Musik“ präsent und mit zahlreichen außergewöhnlichen Konzert- und Aufnahmeprojekten hervorgetreten, hat eine Neufassung der Partitur erstellt. In der Regie von Stefan Herheim wird Cavallis Wunderwerk im September zunächst am Musik- Theater an der Wien gespielt, bevor es dann an der Lindenoper zu sehen und zu hören ist, mit tragikomischer Handlung in einer – laut Herheim – „barocken Science FictionÄsthetik“, gesanglichem Zauber und klangfarblicher Vielfalt. Mit unserer Calisto Vera-Lotte Boecker, 2022 von der Zeitschrift Opernwelt zur „Sängerin des Jahres“ gekürt, haben wir gesprochen. Im Frühjahr 2026 erst war sie als Füchslein Schlaukopf auf der Bühne zu erleben und wurde für ihre exzellente sängerische und darstellerische Leistung gefeiert, nun gibt sie der sagenhaften Nymphe, die am Schluss in ein für ewige Zeiten am Himmel leuchtendes Sternbild verwandelt wird, Gestalt und Stimme.

La Calisto
Francesco Cavalli
Premiere: 8. November 2026

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Nach dem Schlauen Füchslein von Leoš Janáček steht für dich jetzt Francesco Cavallis La Calisto an der Staatsoper Unter den Linden an, auf ein Werk der Klassischen Moderne folgt eines aus der Frühzeit der Operngeschichte. Das sind schon zwei verschiedene Welten, oder?

Ja, zwei sehr unterschiedliche! Bei Janáček haben wir den vollen Orchesterapparat, unglaublich vielschichtige und raffinierte Klangwelten breiten sich aus, herrliche, spätromantische, rein instrumentale Zwischenspiele durchbrechen immer wieder die Szene und erzählen auf eigene Weise die Geschichte weiter. Bei La Calisto hören wir den Beginn von Oper überhaupt, wir hören, wie alles seinen Anfang nahm, und das ist nicht weniger reizvoll. La Calisto wirkt gegen Janáček nahezu minimalistisch und pur, und das hat einen unglaublichen Sog und eine eigene Schönheit. Das Ensemble der Instrumente ist überschaubar, zu keinem Zeitpunkt muss ich als Sängerin fürchten, ich könnte nicht zu hören sein. Alles ist durchsichtiger, aber doch auch rhythmisch, und dramaturgisch sehr packend geschrieben.

Du bist sehr viel im Musiktheater des 20. und 21. Jahrhunderts unterwegs, etwa mit Werken von Alban Berg, Paul Hindemith, Hans Werner Henze, Georg Friedrich Haas oder kürzlich in der Uraufführung von Brett Deans Of One Blood. Jetzt tauchst du in die Barockoper ein – welche Erfahrungen hast du in diesem Repertoire schon gewinnen können?

Ich habe bisher nur einmal eine Partie der Drusilla in Monteverdis L’incoronazione di Poppea gesungen. Das war eine wunderbare Erfahrung, die mir gezeigt hat, wie unglaublich leidenschaftlich und beinahe „zeitgenössisch“ diese Musik klingen kann, wenn sie richtig angepackt wird. Es gibt die wildesten Dissonanzen und rhythmischen Strukturen. Schon im Studium haben mich die Madrigale von Monteverdi fasziniert. Dass mein Weg mich nicht zur Barockspezialistin gemacht hat, liegt einfach daran, dass ich für nichts eine „Spezialistin“ sein möchte. Ich liebe die Vielseitigkeit, vom Barock bis in die Moderne – ich möchte alles, was mich musikalisch interessiert, singen und das gelingt bis jetzt auch ganz gut.

„Ich finde es wunderbar, denn es gibt keine klaren Grenzen zwischen Komödie und Tragödie – es ist beides zugleich, und damit sehr, sehr lebensnah.“

Vera Lotte-Boecker

Welche Herausforderungen stellen sich, mit einem Ensemble der „Alten Musik“ zusammenzuarbeiten, das hinsichtlich Klang und Stil der sogenannten „historisierenden Aufführungspraxis“ verpflichtet ist?

Die Herausforderung besteht darin, dass ich mich als Sängerin dafür öffne, die Stimme anders zu behandeln. Ich muss hier nicht den größten, lautesten Klang erzeugen, wie es oft bei spätromantischen Werken der Fall ist, damit die Stimme gut trägt und über das Orchester kommt. Es geht im Gegenteil darum, auch Intimität zuzulassen im klanglichen Sinn, mit feinem Pinsel zu malen und sich gegenseitig sehr gut zuzuhören, damit eine Freiheit des Miteinandermusizierens entstehen kann. Das ist eine ungemein bereichernde Art, Musik zu machen. Ich schätze natürlich auch, dass ich selbst sehr viel lerne von den „Spezialist:innen“ dieser Barock-Welt, die sehr tief eingetaucht sind in diese Materie.

Die Oper selbst, La Calisto, gilt mit Recht als eines der Meisterwerke Cavallis und seiner Zeit, des mittleren 17. Jahrhunderts. Dem Typus der venezianischen Oper entsprechend enthält es sowohl ernste als auch komische Figuren und Szenen. Wie reizvoll ist für dich dieses Mit- und Gegeneinander?

Ich finde es wunderbar, denn es gibt keine klaren Grenzen zwischen Komödie und Tragödie – es ist beides zugleich, und damit sehr, sehr lebensnah. Calisto ist einerseits eine wirklich tragische Figur, gerade, wenn man Ovid liest, aber bei Cavalli ist sie eine verirrte Liebende und es gibt richtig viele Momente, wo man Tränen lachen kann, ohne dass damit die Figuren lächerlich gemacht würden – das gefällt mir überaus gut.

vom 7. bis 27. November

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Als Calisto singst und spielst du eine Nymphe, die von vielen starken Leidenschaften erfüllt ist, von Liebessehnen und Enttäuschung, von Freude und Schmerz, von Überschwang und Trauer und anderem mehr. Wie ist dies alles durch Stimme und Spiel auszudrücken?

So, wie in jeder anderen Oper auch – ich beschäftige mich zuerst intensiv mit der Figur, mit dem Text, mit der Historie, und natürlich mit der Musik, die die Basis für alles ist. Dann baue ich Stück für Stück eine Art der Identifikation mit der Figur auf, was natürlich in Bezug auf das Lieben und den heftigen Liebeskummer, den sie erfährt, nicht schwerfällt. Und aus dieser Identifikation entsteht dann, im Idealfall relativ natürlich, eine Körperlichkeit und eine Art, die Partie stimmlich zu gestalten. Etwas hakelig ist der Schluss – die Verwandlung in den eine Bärin und ihre, nun, vielleicht etwas abrupte Freude über ihren Platz in der Unendlichkeit als Sternbild. Sie hat da keine Rachegedanken mehr, sie beschwert sich nicht über die eigentlich riesige Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren ist, sie nimmt ihr Schicksal einfach an und freut sich darauf. Damit hatte ich erstmal meine Schwierigkeiten, letztendlich kann ich ihre Freude aber dann doch verstehen – sie erfährt sozusagen Erlösung von den ganzen Leiden und Freuden und Verstrickungen, die zum Menschsein gehören, sie wird am Ende frei, und das wiederum kann ich als Sehnsucht gut nachvollziehen, und es berührt mich sehr.

Ein musikalisches Kennzeichen der venezianischen Barockoper – man denke neben Cavalli durchaus auch an Monteverdi – ist ein beständiges Changieren zwischen rezitativischen und ariosen Momenten, zwischen Deklamation und melodischen Entfaltungen. Mal dominiert die Sprache bzw. Rede, mal die Musik bzw. der Gesang. Wie lässt sich das zusammenbringen?

Meine erste Aufgabe ist hier, den Text wirklich bis ins kleinste Detail zu kennen und zu verstehen, auch mit dem ganzen Subtext, der sich in ihm verbirgt und der für unsere heutigen Augen nicht immer sofort offensichtlich ist. Das Drama, das erzählerisch rezitativische, die Handlung vorantreibende Singen steht für mein Gefühl ganz gleichberechtigt neben den arienhaften Momenten, es greift sehr harmonisch ineinander.

Dein Debüt an der Staatsoper Unter den Linden hast du 2023 in der Titelpartie von Richard Strauss' Daphne feiern können, Anfang 2026 folgte dann das schon erwähnte Schlaue Füchslein, ebenfalls in der Titelgestalt. Welche Erinnerungen verbindest du mit diesen beiden sehr erfolgreichen Produktionen hier am Haus und welche mit den Menschen, mit denen du an der Staatsoper zu tun hattest?

Ich mag das Haus sehr, und es ist natürlich eine ungeheure Ehre, in diesen Partien hier auftreten zu dürfen. Von viel mehr kann ich als Sängerin kaum träumen, ehrlich gesagt! Gleichzeitig bedeutet für mich das Singen von Titelpartien auch immer eine Art „Stress“, bei Daphne habe ich empfunden, dass der Abend auf mir als Sängerin „ruhte“, auch so etwas kann eine Ehre sein und gleichzeitig eine Herausforderung an die eigene Energie und Präsenz auf der Bühne. Trotzdem hat für mich der Genuss überwogen, diese herrliche Musik hier singen zu dürfen. Das Füchslein wiederum war eine ganz ungetrübte Freude, ich habe mich dabei sozusagen unsterblich in Janáček verliebt. Als sehr besonders empfinde ich an der Staatsoper die Zusammenarbeit hinter den Kulissen, vom Inspizienten bis zur Ankleiderin – ich habe hier immer das Gefühl, alle arbeiten im Team für den schönsten, bestmöglichen Theaterabend.

- Das Gespräch führte Detlef Giese.

November

  • Premiere,
  • Barocktage 2026

La Calisto

Francesco Cavalli

Besetzung

  • Barocktage 2026

La Calisto

Francesco Cavalli

Besetzung

  • Barocktage 2026

La Calisto

Francesco Cavalli

Besetzung

  • Barocktage 2026

La Calisto

Francesco Cavalli

Besetzung

  • Familienvorstellung,
  • Barocktage 2026,
  • Zum letzten Mal in dieser Spielzeit

La Calisto

Francesco Cavalli

Besetzung

Aus dem Magazin der Staatsoper Unter den Linden - Nr. 4.

Am 12. September 2026 erscheint die neue Ausgabe des Magazins der Staatsoper mit spannenden Einblicken zu den Barocktagen 2026, der ersten Premiere der Spielzeit La Vestalevon Gaspare Spontini,dem Rosenkavalier auf Reisen, dem Konzert zum Jahreswechsel und der neuen Mitmachoper Die Fledermaus für Kinder.