Als Calisto singst und spielst du eine Nymphe, die von vielen starken Leidenschaften erfüllt ist, von Liebessehnen und Enttäuschung, von Freude und Schmerz, von Überschwang und Trauer und anderem mehr. Wie ist dies alles durch Stimme und Spiel auszudrücken?
So, wie in jeder anderen Oper auch – ich beschäftige mich zuerst intensiv mit der Figur, mit dem Text, mit der Historie, und natürlich mit der Musik, die die Basis für alles ist. Dann baue ich Stück für Stück eine Art der Identifikation mit der Figur auf, was natürlich in Bezug auf das Lieben und den heftigen Liebeskummer, den sie erfährt, nicht schwerfällt. Und aus dieser Identifikation entsteht dann, im Idealfall relativ natürlich, eine Körperlichkeit und eine Art, die Partie stimmlich zu gestalten. Etwas hakelig ist der Schluss – die Verwandlung in den eine Bärin und ihre, nun, vielleicht etwas abrupte Freude über ihren Platz in der Unendlichkeit als Sternbild. Sie hat da keine Rachegedanken mehr, sie beschwert sich nicht über die eigentlich riesige Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren ist, sie nimmt ihr Schicksal einfach an und freut sich darauf. Damit hatte ich erstmal meine Schwierigkeiten, letztendlich kann ich ihre Freude aber dann doch verstehen – sie erfährt sozusagen Erlösung von den ganzen Leiden und Freuden und Verstrickungen, die zum Menschsein gehören, sie wird am Ende frei, und das wiederum kann ich als Sehnsucht gut nachvollziehen, und es berührt mich sehr.
Ein musikalisches Kennzeichen der venezianischen Barockoper – man denke neben Cavalli durchaus auch an Monteverdi – ist ein beständiges Changieren zwischen rezitativischen und ariosen Momenten, zwischen Deklamation und melodischen Entfaltungen. Mal dominiert die Sprache bzw. Rede, mal die Musik bzw. der Gesang. Wie lässt sich das zusammenbringen?
Meine erste Aufgabe ist hier, den Text wirklich bis ins kleinste Detail zu kennen und zu verstehen, auch mit dem ganzen Subtext, der sich in ihm verbirgt und der für unsere heutigen Augen nicht immer sofort offensichtlich ist. Das Drama, das erzählerisch rezitativische, die Handlung vorantreibende Singen steht für mein Gefühl ganz gleichberechtigt neben den arienhaften Momenten, es greift sehr harmonisch ineinander.
Dein Debüt an der Staatsoper Unter den Linden hast du 2023 in der Titelpartie von Richard Strauss' Daphne feiern können, Anfang 2026 folgte dann das schon erwähnte Schlaue Füchslein, ebenfalls in der Titelgestalt. Welche Erinnerungen verbindest du mit diesen beiden sehr erfolgreichen Produktionen hier am Haus und welche mit den Menschen, mit denen du an der Staatsoper zu tun hattest?
Ich mag das Haus sehr, und es ist natürlich eine ungeheure Ehre, in diesen Partien hier auftreten zu dürfen. Von viel mehr kann ich als Sängerin kaum träumen, ehrlich gesagt! Gleichzeitig bedeutet für mich das Singen von Titelpartien auch immer eine Art „Stress“, bei Daphne habe ich empfunden, dass der Abend auf mir als Sängerin „ruhte“, auch so etwas kann eine Ehre sein und gleichzeitig eine Herausforderung an die eigene Energie und Präsenz auf der Bühne. Trotzdem hat für mich der Genuss überwogen, diese herrliche Musik hier singen zu dürfen. Das Füchslein wiederum war eine ganz ungetrübte Freude, ich habe mich dabei sozusagen unsterblich in Janáček verliebt. Als sehr besonders empfinde ich an der Staatsoper die Zusammenarbeit hinter den Kulissen, vom Inspizienten bis zur Ankleiderin – ich habe hier immer das Gefühl, alle arbeiten im Team für den schönsten, bestmöglichen Theaterabend.
- Das Gespräch führte Detlef Giese.