Bei jeder Vorstellung formt sich neu eine Gemeinschaft, die Ideen, Werte, Emotionen und Visionen miteinander teilt. Diese auch politische Dimension der Kunstformen Oper und Konzert verleiht unserer täglichen Arbeit eine besondere Verantwortung – für Sie als Publikum, für uns Mitwirkende und Beteiligte, für unsere Gesellschaft. Mit berührenden und aufwühlenden Geschichten und Klängen ziehen uns bedeutende Werke bis heute in den Bann, selbst wenn oder gerade weil sie teilweise vor mehreren hundert Jahren entstanden sind.
Welche besonders einende Kraft eine Melodie erzeugen kann, zeigt sich an Ludwig van Beethovens Vertonung von Friedrich Schillers Worten „Freude, schöner Götterfunken“ im letzten Satz seiner neunten Symphonie: Seit 1985 fungiert diese Melodie als offizielle Europahymne. Zu Beethovens 200. Todestag werden wir dieses bahnbrechende Werk erneut aufführen, unter der Leitung von Generalmusikdirektor Christian Thielemann. Ebenfalls unter seiner musikalischen Leitung steht die Premiere von Engelbert Humperdincks Königskinder. Gemeinsam mit dem Regisseur David Bösch spürt er den zutiefst menschlichen Gefühlswelten in dieser klangprächtigen Oper nach, die nach Humperdincks Welterfolg Hänsel und Gretel entstand. Christian Thielemann dirigiert zudem zwei weitere bedeutende Werke Richard Wagners: Tannhäuser zu den Festtagen 2027 und im Februar davor Tristan und Isolde.
Unsere sechs Opernpremieren dieser Spielzeit werden von zwei Werken eingerahmt, in denen die politischen Dimensionen des menschlichen Handelns besonders thematisiert werden: In Gaspare Spontinis La Vestale besingt die Protagonistin Julia in ergreifenden Melodien ihren unerschütterlichen Glauben an die menschliche Liebe trotz der ihr auferlegten Einschränkungen in einem autokratischen Regime. Durchaus im Geiste Beethovens prägte Spontinis Werk die nachfolgenden Komponistengenerationen, besonders in Frankreich und Deutschland. Der aus Italien stammende Komponist wirkte mehrere Jahrzehnte an unserem Opernhaus, der damals Königlichen Oper in Berlin, wo er als erster die Position des Generalmusikdirektors innehatte. Nun dirigiert Carlo Rizzi eine der erfolgreichsten Opern ihrer Zeit, Lydia Steier inszeniert.
In Giuseppe Verdis La forza del destino am Ende dieser Spielzeit befindet sich die weibliche Hauptfigur Leonora im Konflikt zwischen den widerstreitenden politischen Interessen ihres Geliebten und ihres eigenen Bruders. Vasily Barkhatov, der Regisseur unserer NormaInszenierung, kommt für diese Oper zurück, ebenso wie der Dirigent Philippe Jordan, der unserem Haus seit langem verbunden ist.
Mit der Premiere von Francesco Cavallis La Calisto werden die Barocktage nach zwei Jahren Pause erneut zu erleben sein, die in den vergangenen beiden Spielzeiten nicht stattfinden konnten. Dieses humorvolle und faszinierende Werk aus der Frühzeit der Oper wird von Stefan Herheim in eine magische Bühnenwelt überführt, gespielt von den Ensembles L‘Arpeggiata und Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Christina Pluhar. Wir freuen uns besonders, zu ihrem 40-jährigen Bühnenjubiläum Cecilia Bartoli erneut an der Staatsoper begrüßen zu dürfen. Mit Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice bringt sie gemeinsam mit Les Musiciens du Prince und dem Chor Il Canto di Orfeo unter Gianluca Capuano ein maßgebliches Werk des Übergangs vom Barock zur Klassik auf die Bühne. Claudio Monteverdis L’incoronazione di Poppea und Henry Purcells Dido & Aeneas werden beide von der Akademie für Alte Musik Berlin gespielt, die seit Jahrzehnten die Barocktage prägt.
Zu den Festtagen um die Ostertage 2027 kommt mit Manon Lescaut die Oper auf die Bühne, mit der Giacomo Puccini der Durchbruch als Opernkomponist gelang. Bertrand de Billy widmet sich gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin Puccinis brillanten Melodien, der Regisseur Johannes Erath inszeniert nach seinem Erfolg mit Fin de partie zum zweiten Mal am Haus.
Ebenfalls zum zweiten Mal bringen wir eine eigene Oper zum Mitmachen für Kinder auf die große Bühne. Nachdem mehrere tausend Kinder in den vergangenen zwei Spielzeiten bei Der Freischütz für Kinder verzaubert wurden, entsteht nun eine für Kinder eingerichtete zeitgemäße Fassung mit den mitreißenden Klängen von Johann Strauß’ Die Fledermaus. Diese beiden Inszenierungen im Großen Saal werden von vielen weiteren Angeboten für unsere jungen Gäste ergänzt, sowohl in der Oper als auch im Konzert.
Die besondere Klangqualität der Staatskapelle Berlin pflegen wir in zahlreichen großen symphonischen wie auch kammermusikalischen Konzerten. Als Schwerpunkt führt Christian Thielemann die zyklische Aufführung sämtlicher Orchesterlieder von Richard Strauss und aller Tondichtungen von Franz Liszt weiter. Die stilistische Vielfalt und musikalische Exzellenz liegt uns hier ebenso am Herzen wie in den verschiedenen Aufführungen unseres Opernrepertoires, wo Sie herausragende Künstlerinnen und Künstler erleben können.
Seien Sie eingeladen, den Klängen und Themen mehrerer Jahrhunderte immer wieder neu zu lauschen und uns dabei in gemeinsamen Gefühlswelten wiederzufinden!
Herzlich willkommen zur Saison 2026/27 an der Staatsoper Unter den Linden!
Elisabeth Sobotka & Christian Thielemann