Mutige Liebe - Sonya Yoncheva debütiert in der Titelrolle von Gaspare Spontinis La Vestale

Magazin Nr. 4 - 2026/27

In La traviata, Tosca, Madama Butterfly, La Bohème, Medea und zuletzt Norma begeisterte Sonya Yoncheva das Publikum an der Staatsoper Unter den Linden. Nun widmet sie sich mit der Titelrolle in Gaspare Spontinis La Vestale einer Partie, der sie schon seit langem entgegenfiebert. Und auch für das traditionsreichste Berliner Opernhaus hat diese Oper von 1807 eine ganz besondere Bedeutung.

„One of the roles I have long been looking forward to”, schrieb die Sopranistin Sonya Yoncheva im März auf ihrem Instagram-Kanal, kurz nach der Veröffentlichung des Spielplans der Staatsoper Unter den Linden für die gerade begonnene Spielzeit. Die Rolle der Julia in Gaspare Spontinis Oper La Vestale reizt die Sängerin seit langem, nun singt sie diese herausfordernde Partie in der Eröffnungspremiere unserer neuen Saison. Gefragt, warum sich Yoncheva auf diese Rolle so freut, antwortet sie: „In der Vergangenheit sangen viele Kolleginnen diese Rolle, heute gibt es auf der Welt nicht viele Theater, die dieses Repertoire anbieten. Die Musik ist absolut faszinierend, ein Werk des Übergangs wie auch Luigi Cherubinis Medea. Manche Stellen klingen nach Christoph Willibald Gluck, aber die ganze Anlage des Stücks erinnert an Richard Wagner.“

Wagner war ein großer Fan dieser Oper, die er 1844 in Dresden mit einer der bedeutendsten Sängerinnen seiner Zeit, Wilhelmine Schröder-Devrient, selbst dirigierte. Spontinis Musik und dramatischer Instinkt inspirierten Wagner auch bei seinen eigenen Werken. 1774 in Italien geboren, ging Spontini nach ersten Erfolgen als Opernkomponist 1803 nach Paris, wo seine Werke an der Opéra-Comique gespielt wurden und er als Kammerkomponist der Kaiserin Joséphine reüssierte. Mit ihrer Unterstützung entstand mit La Vestale eine Oper über eine Frau, die es wagt, im antiken Rom als eine der Vestalinnen, die vom Oberpriester kontrolliert werden, ihr Keuschheitsgelübde zu brechen und ihre Liebe zu einem erfolgreichen Feldherrn zu leben. Für ihren Mut, ihrer Liebe und damit der menschlichen Natur anstatt einem autoritär geschaffenen Gesetz zu folgen, müssen die beiden mit ihrem Leben bezahlen.

- Sonya Yoncheva in der Staatsbibliothek Unter den Linden

Spontinis Oper mit ihren ergreifenden, virtuosen Arien, opulenten Chorszenen und instrumentalen Ballettnummern wurde 1807 mit großem Erfolg in Paris uraufgeführt, bis 1830 gab es mehr als 200 Vorstellungen. Bereits 1811 war La Vestale in deutscher Sprache als Die Vestalin im Berliner Opernhaus Unter den Linden zu erleben. 1820 erhielt Spontini hier als erster musikalischer Leiter in der Geschichte des Hauses den Titel des Generalmusikdirektors und hatte diese Position über 20 Jahre inne. Die italienische Version von La Vestale ist besonders mit der Sängerin Maria Callas verbunden, die 1954 an der Mailänder Scala in der Inszenierung von Luchino Visconti die Hauptrolle verkörperte. Die Musik von La Vestale vereint virtuose Koloraturen im barocken Gestus, bewegende Gefühlswelten, die an Wolfgang Amadeus Mozart erinnern, und innovative Elemente, die nachfolgende Komponisten wie Hector Berlioz und Richard Wagner maßgeblich beeinflussten. Diese einzigartige Mischung spricht Sonya Yoncheva besonders an, spiegelt sie doch wichtige Etappen ihrer eigenen Gesangskarriere wider: „Ich begann als Barocksängerin, sang sehr viel französisches Repertoire und erarbeitete mir dann den Verismo.“ Diese stilistische Entwicklung lässt sich sogar bei der musikalischen Gestaltung von Julias Rolle im zweiten Akt erkennen, der von der Vestalin dominiert wird. Ihr obliegt es, nachts das Feuer der Göttin Vesta zu bewachen, das für die Unversehrtheit des Staates steht.

Zunächst fleht sie in innigen, ehrfurchtsvollen Tönen die Göttin an, ihre Musik erinnert an die unglücklich liebende Gräfin in Mozarts Le nozze di Figaro. In ihrer darauffolgenden Arie wendet sich Julia an die „unbarmherzigen Götter“, die nur für einen Moment durch die Gegenwart ihres Geliebten den Ort „verzaubern“ sollen, bevor sie sich den strengen Gesetzen unterwirft. Immer aufgewühlter und kontrastreicher wird ihre Musik, die Überschreitung der bestehenden Gesetze, die schließlich in der verbotenen Anwesenheit ihres Geliebten Licinius an diesem heiligen Ort gipfelt, drückt Spontini mit einer für seine Zeit äußerst avancierten Klangsprache aus.

Wie ein autokratisches Regime durch die Verbindung von religiösen und militärischen Mechanismen über das Leben besonders von Frauen verfügt, bringt Lydia Steier in ihrer Inszenierung in vielfältiger Weise auf die Bühne. Inspiriert auch von Margaret Atwoods 1985 erschienenem dystopischen Roman The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd), der mehrfach verfilmt wurde, betont die Regie dieser mit der Opéra national de Paris entstandenen Koproduktion die Bedeutung des Wissens, worin autoritäre Regierungsformen seit Jahrtausenden eine große Gefahr für ihr Machtsystem sehen. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Etienne Pluss verortet Steier ihre Inszenierung daher an einem Ort, der wie kaum ein anderer für die Bedeutung des freien Zugangs zu Wissen und Forschung steht: dem sogenannten Amphitheater an der Pariser Universität Sorbonne. Dieser große Saal wurde 1889 eingeweiht und zeigt herausragende Personen der Forschung als Statuen, 4 Premiere La Vestale 5 darunter René Descartes, Blaise Pascal und Cardinal Richelieu. Das Bühnenbild greift zentrale ikonographische Elemente dieses Raumes auf, verändert ihn aber, indem es Spuren der militärischen Verwüstung zeigt, wie sie weltweit an Orten des Wissens verübt werden. Hinzugefügt wurden Bücherregale, die jedoch keine Bücher mehr beherbergen, da diese von den Machthabern dazu auserkoren wurden, das Feuer Vestas am Lodern zu halten. Es ist hier die grausame Pflicht der Vestalinnen, Bücher zu verbrennen. Auch in unmittelbarer Nähe der Staatsoper Unter den Linden wurden auf dem damaligen Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, im Mai 1933 von den Nationalsozialisten Bücher von insgesamt 94 Autor:innen verbrannt, die als „undeutsch“ bezeichnet wurden.

„Ihr Mut ist rebellisch. Rebellisch zu sein muss nicht immer etwas Negatives bedeuten.“

Sonya Yoncheva

In Lydia Steiers Vestale-Inszenierung versucht Julia, zumindest vereinzelt Bücher vor den Flammen zu bewahren. Nachdem ihr Geliebter Licinius verbotenerweise nachts den Ort betreten hat, geben sich beide ihrer Liebe hin und besingen diese in einem mitreißenden Duett. Julia vernachlässigt das Feuer, das schließlich erlischt. Das vom Oberpriester mit seiner bedrohlichen Bassstimme vorgeworfene Verbrechen besteht nicht nur in der zuvor von der Oberpriesterin als „barbarisches Monster“ besungenen Liebe der beiden, sondern auch in Julias Missachtung des Feuers, das durch die Beseitigung des Wissens das bestehende Regime stützt. Julia habe „das heiligste Gesetz“ gebrochen, wirft ihr der Oberpriester vor. Und sie entgegnet mit ergreifenden Tönen: „Kann ein einzelnes Gesetz die Natur überwinden?“ Es ist dieser Mut, der Sonya Yoncheva an der Figur der Julia besonders fasziniert: „Ihr Mut ist rebellisch. Rebellisch zu sein muss nicht immer etwas Negatives bedeuten. Es kann dein eigenes Leben verändern, es kann auch die Geschichte der Welt verändern. Ich mag es, Frauen zu singen, die mutig sind, die für das einstehen, was sie denken.“

September

Oktober

April 2027

Mai 2027

Aus dem Magazin der Staatsoper Unter den Linden - Nr. 4.

Am 12. September 2026 erscheint die neue Ausgabe des Magazins der Staatsoper mit spannenden Einblicken zu den Barocktagen 2026, der ersten Premiere der Spielzeit La Vestale von Gaspare Spontini,dem Rosenkavalier auf Reisen, dem Konzert zum Jahreswechsel und der neuen Mitmachoper Die Fledermaus für Kinder.